STIMMUNG!

STIMMUNG: Es lebe die Nachkriegszeit…

dt Göttingen

dt Göttingen

27.02.2010. Über Deutschland tobt Xynthia, ein gewaltiges Sturmtief: Häuser werden abgedeckt, Bäume entwurzelt, Wanderer erschlagen. Es ist der Morgen nach einer Aufführung in Mülheim a. d. Ruhr. Man hatte uns gewarnt, frühzeitig oder gar nicht erst aufzubrechen. Wir schlugen die Warnungen in den Wind und – blieben stecken. Doch wir hatten Glück: Unser ICE blieb erst kurz vorm Frankfurter Flughafen liegen. Wir begaben uns rasch nach oben in die Abflughalle. Hinter den Fensterwänden sahen wir Xynthia vorbei fegen: Bäume bäumen sich auf, Zettel, Tüten, Zeitungen rasen durch die Luft. Wir wagen uns ins Freie, vor der Drehtür jagt der Sturm Blätter am Boden im Kreis herum. Xynthia zerrt an uns, wir müsssen uns dem Wind mit aller Kraft entgegen stemmen. Da klingelt mein Telefon: „Hallo, hier ist Lu…“ höre ich eine vertraute Stimme aus der Ferne. „Wer ist da?“ schreie ich zurück. „Lutz.“ Ich brülle zurück: „Lutz! Ich bin im Sturm, Moment.“ Ich laufe im Winkel von 45 Grad über den Boden geneigt auf ein Auto zu, die Tür wird mir fast aus der Hand gerissen und lasse mich ins Innere fallen: „Jetzt.“ Lutz: „Hast Du Dich in eine Telefonzelle geflüchtet?“ – „Ähh, so ähnlich.“ – „Habt ihr nicht Lust, bei uns die Wunderkinder zu machen.“ So fing’s an. Ich rufe ins Telefon, als sei ich immer noch im Sturm: „Wunderkinder?“ Da war doch was. „Genau“, sagt Lutz: „Mit Wolfgang Neuss & Wolfgang Müller.“ Vor mir sitzt Wolfgang Nord, Nicola’s Vater vorm Steuer und manövriert vorsichtig durch den Sturm – wir sind auf der Autobahn, alle fahren maximal 50. Wolfgang ist hochkonzentriert, doch jetzt nickt er heftig: „Toller Film! Bester Film über diese Zeit!“ Welche Zeit? Diese „Schwarzweiß-Zeit“, sagt er, die so genannte „Nachkriegszeit“. Was soll das eigentlich heißen – die „so genannte“, fragen wir uns. Leben wir denn heute nicht immer noch in dieser Zeit? Oder was ist das für eine Zeit heute? Schon wieder eine Vorkriegszeit? Mit genau dieser Frage beginnt der Film in einer Nachkriegszeit, die unmittelbare Vorkriegszeit ist: das Jahr 1913. Nur wussten es die meisten damals noch nicht. „Das ist ja das Schöne am Frieden, dass man die Erinnerung an alte Kriege immer wieder aufwärmen kann.“ heißt es am Anfang über die Hundertjahrfeier der Völkerschlacht bei Leipzig. Wenige Monate später beginnt der Erste Weltkrieg und mit ihm jenes 20. Jahrhundert, von denen manche sagen, dass es außerordentlich kurz gewesen sei (Eric Hobsbawm z.B.). Das Kaiserreich zerbrach und was kam dann? Der Frieden? Die Republik? Na –

STIMMUNG! Es lebe die Nachkriegszeit,

die ist fast so schön wie die Vorkriegszeit!

Es ist doch wahrscheinlich was dran an den Demokratien!

(Woll’n Se nich ’ne kleine Prise Kokain?)

singen Neuss & Müller über die ‚roaring 20’s in Deutschland, die die Depression der Niederlage verwandelten in eine überdrehte Boom-Euphorie. Ein Schub befreiender Energien fuhr wie ein Sturm durchs Land: Befreiung der Sitten, der Frauen, der Körper, der Liebe, der Kunst, der Politik, der Musik, der Jugend… Avantgarde-Kunst, Jazz, Drogen, Bohème-Leben, Promiskuität, wildes Denken, radikale politische Bewegungen. Bis zum Ende des Jahrzehnts: 1929. Schwarzer Freitag, Börsen-Crash. Krise. Der Aufstieg des Nationalsozialismus. Davon handelt der größte Teil von Wir Wunderkinder. Wir sind restlos begeistert, spätestens seit dem STIMMUNG-Song von Wolfgang & Wolfgang instant fans. Songs wie aus einem Brecht-Stück! Aus jener legendären Zeit der zwanziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts. Wie anders war die Zeit, in der der Film gemacht wurde, jene fünfziger Jahre! Eine graue Zeit, sagen die, die damals jung waren: „Schwarzweiß-Zeit“. Das Gegenteil der bunten 20er. Die Farbe kam erst später, in den 60ern: Farbfilme, Fernsehen, Konzerte, Krawalle, Massenproteste. Woodstock. Hippies. Latsch-Demos. Studentenbewegung: Sit-Ins, Teach-Ins, Be-Ins: Love & Peace. Sex, Drugs & Rock’n’Roll: the new20’s, die Zeit der Jugend-, Schüler- und Studenten-, Frauen-, Friedensbewegung, die Befreiung vom Mief der 50ern, der Adenauer-Republik, dem „CDU-Staat“ (wie es damals hieß). Das war das 20. Jahrhundert: zweimal Nachkriegszeit, im Abstand von 30 Jahren, dem Leben einer Generation. Es ist diese „Erlebnisgeneration“, von der dieser Film handelt, die es heute kaum noch gibt, bzw. immer weniger, eine Handvoll Hundertjähriger. Der Film ist jedoch nicht nur für sie gemacht worden, sondern für ihre Kinder, die wie sie damals Kinder waren während des Krieges: Kriegskinder. Wunderkinder. Kinder des „Wirtschaftswunders“. Unsre Eltern. Faszinierend, wie sich die Reaktionen auf den Film ähneln: „Kennen Sie den Film Wir Wunderkinder?“ STIMMUNG! Es ist doch wahrscheinlich was dran an diesem Film, denken wir uns, der ältere Menschen sofort zum Singen bringt. Und was für Lieder. Böse Lieder: „Es lebe die Nachkriegszeit, die ist fast so schön wie die Vorkriegszeit.“ Aber was hat das denn mit heute zu tun, fragt Henning Rischbieter, Gründer und ehemaligen Herausgeber von THEATER HEUTE. Es ist tief in der Nacht, ich bin auf einer Geburtstagsparty von Theaterleuten und habe ihm – nachdem er erzählt hatte, dass er nach dem Krieg in Göttingen studiert hatte – unvorsichtigerweise verraten, dass wir WUNDERKINDER am dt Göttingen inszenieren würde. „Total viel!“ sag ich. Er blickt spöttisch, ungläubig und unglaublich weise. Ich rudere mit den Armen: „STIMMUNG, die Nachkriegszeit…“ Er entschuldigt sich mit einem Murmeln und erhebt sich. Neben mir sitzt die Dramaturgin eines bekannten Berliner Theaters: „STIMMUNG, die Nachkriegszeit“, versuche ich umständlich zu erklären, so ein Song… Die Frau ist aus dem Osten, Jahrgang 1957, sie nickt wissend. Kennt’se. Der Film lief ja auch in der DDR, hatte da Bombenkritiken bekommen (was war wahrscheinlich der Grund für die schlechten Kritiken in der westdeutschen Presse war), internationale Preise gewonnen, in den USA und der SU. Und es war der erste deutsche Film, der in Israel gezeigt wurde, wochenlang waren die Tel Aviver Kinos voll. Ein Jahrhundertfilm, ein Film über das Jahrhundert: Ein Jahrhundert, über das man sich nicht genug wundern kann. Staunen. Doch das Staunen darüber, dass so etwas wie der deutsche Faschismus möglich war, sei unphilosophisch, habe Benjamin zu Brecht gesagt, belehrt mich ein brasilianischer Freund. Als ich mit ihm von der Party nach Hause gehe regnet es in Strömen, es ist sehr dunkel, wir sind total durchnässt, ich versuche die deutsche Geschichte zu erklären. Zusammenfassend: „Vorkriegszeit, Nachkriegszeit, Vorkriegszeit, Nachkriegszeit.“ – „Vorkriegszeit?“ – „Das ist die Frage.“ Mein Freund versteht mich.

Desertieren!

Desertieren!

„Aber wir sind doch wieder im Krieg!“ schimpft ein andrer Freund, nachdem er unser letztes Stück gesehen hatte: FatzerBraz. Brechts Stück über vier Deserteure aus dem Ersten Weltkrieg, die sich in Mülheim a. d. Ruhr verstecken. Dort warten sie auf ein Wunder. Sie warten darauf, dass sich die Bevölkerung erhebt gegen den Krieg, dass sie die Regierung stürzt, den Kaiser verjagt und seine Generäle, Junker, Adlige… Ein Sturm der Befreiung, der ausbleibt. Am Ende bringen sie sich gegenseitig um. Brechts bestes Stück, allerdings Fragment geblieben. Mein Freund schimpft, wie lasch ich den Text über die Desertion gesprochen hätte: „Aber wir sind doch wieder im Krieg! Das ist doch hochaktuell!“ Wir diskutieren, was Desertion heute heißen könnte. Wie zur Antwort hängt an einer Litfaßsäule ein Plakat, illegal geklebt über die Werbeflächen: „Desertieren!“ steht dort vor einem verwackelten Video-Still von einem Toten vor einem Tanklastwagen. Afghanistan, Kunduz. Und: „Deutschland ist im Krieg“. Kann man alltagssprachlich so sagen, hat der ehemalig Verteidigungsminister gesagt. „Ehemalig“seit gestern, 2.3.11. Guttenberg heißt zwar immer noch Freiherr zu, aber nicht länger Dr. Was hat Germany’s last Superstar denn damit zu tun, der „coole Baron“ (Ulf Poschardt)? Auch so ein sog. „Junker“, die damals des Kaisers Hof gebildet haben, dann des Hindenburgs Lobby und zu letzt des Hitlers Helfer, sagt mein Freund. Bis sie ganz zu guter letzt des Hitlers Attentäter hatten werden wollen und am Strick (einer Klaviersaite) endeten, wo bis gestern, bzw. heute morgen Guttenberg residierte: am Bendlerblock. Sein Cousin Henckell von Donnersmarck hatte versucht, Tom Cruise zu helfen, dort 2007 eine Drehgenehmigung zu bekommen für Operation Valkyre, um sich am Originalschauplatz erschießen zu lassen und zu rufen: „Es lebe das Heilige Deutschland!“ Aber was hat das mit den Wunderkindern zu tun? Nun, nach so einem Jahrhundert kann man sich nur wundern, dass man immer noch da ist – sagt Neuss im Trailer vom Film. Und da hat er doch recht: immer noch! Gerade als Nachgeborener kann man sich nicht genug darüber wundern, dass man überhaupt auf der Welt ist, bzw. dass unsere Eltern überhaupt auf die Welt kommen konnten, damals. Und wie viele nicht auf die Welt kamen, nie auf die Welt würden kommen können, da ihre Eltern das niemals werden konnten: ihre Eltern. Die Wunderkinder, das sind wir selber, Kinder der Wunderkinder, Kindeskinder: „Kinder einer wunderlichen Zeit, die voller Tüchtigkeit immer neue Wunder schaffen und sie stolz bewundern in ihrer Wunderwirklichkeit!“ Kinder von Mythen: WW (Wirtschaftswunder), WA (Wiederaufbau) – und eben auch WB (Wiederbewaffnung). Wir-sind-wieder-wer! Nur wer? Wehrpflichtige… In dieser Art spottete Neuss damals, doch damit ist jetzt Schluss: Wehrpflicht, Bürger in Uniform, Guttenberg-sei-Dank. Und einen WA haben wir auch hinter uns, der hieß AUFBAU OST und ist so gut wie abgeschlossen, heißt es. Doch das Wunder, das die Ossis damals erleben sollten, war oft ein blaues. Das waren die 90er, unsre Nachkriegszeit: Nach-Kalte-Kriegszeit. Auch das längst Geschichte heute. Aber was hat der Film denn nun mit heute zu tun? Ich verrate nur so viel: Exakt fünfzig Jahre nachdem der Film gedreht wurde, endete die Zeit, die er besungen hat: die wunderbare Wirtschaftswunderzeit. 79 Jahre nach dem Schwarzen Freitag. Dass man seit einiger Zeit flüstert, wir bräuchten dringend ein neues WW verrät, dass sie nun wohl endgültig vorbei ist. Oder uns unmittelbar bevorsteht: STIMMUNG!

Stimmung!

Stimmung!

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1776: Das Ende des ‚freien Theaters‘ in Teutschland

1776: Zeit der Entzweiungen, Zeit der Gründungen: Die nordamerikanischen Kolonien machen sich unabhängig, Goethe läßt seinen Dichterfreund Jakob Michael Reinhold Lenz ausweisen. Die beiden haben sich 1771 in Straßburg kennen gelernt: Goethe hatte dort studiert, Lenz ist als bezahlter Begleiter von zwei Offizieren gekommen. Es ist die Zeit des Sturm & Drang und Straßburg das Zentrum dieser ersten deutschen Jugendbewegung. Lenz wird Vorsitzender einer literarischen Gesellschaft und macht Anmerkungen zum Theater: „Der Vorwurf einiger Anmerkungen, die ich auf dem Herzen habe, soll das Theater sein.“ Kurz hintereinander erscheinen die Dramen Götz von Berlichingen von Goethe und Der Hofmeister von Lenz, eine Tragikomödie, dessen happy end in der erfolgreichen Selbstkastration der Hauptperson besteht. Das Stück wird von der Kritik hoch gelobt – und für das Werk „unseres teutschen Shakespeare’s Dr. Göthe“ gehalten. 1775 schreibt Lenz die Satire PANDÄMONIUM GERMANICUM, in der er zusammen mit Goethe einen ‚steilen Berg’ besteigt, eine Art ‚Parnass der teutschen Poesie‘. Dort treffen sie eine Menge Kollegen, die nach Strich und Faden karikiert werden. Wenig später lädt Goethe Lenz nach Weimar ein, wohin er selbst als ‚Erzieher’ des jungen Herzogs gezogen ist. Außer Goethe sind dort Wieland & Herder, mit Lenz treffen die Stürmer & Dränger Klinger & Kaufmann ein. Eine Weile gehen die wildesten Gerüchte über das „Genie-Treiben“ in Weimar um. Während Goethe zum Geheimrat ernannt und Mitglied der Regierung wird, verlässt Klinger die Stadt und zieht Lenz in den Wald und haust dort wie ein Hippie. Zweimal erwähnt Goethe in seinem Tagebuch „Lenzens Eseley“. Während die erste noch ein „Lachfieber“ in der höfischen Gesellschaft ausgelöst hat, führt die zweite zum Bruch zwischen Goethe & Lenz: Goethe lässt Lenz aus der Stadt ausweisen: Lenz wird „ausgestoßen aus dem Himmel als ein Landläufer, Rebell, Pasquillant“. Kurze Zeit später kommt es bei Lenz zu schizophrenen Schüben, die von seinem Gastgeber, dem Pfarrer Oberlin protokolliert worden sind. Diese Aufzeichnungen fallen über fünfzig Jahre später dem jungen Georg Büchner in die Hände, der vor polizeilicher Verfolgung nach Straßburg geflohen war. Auf dieser Grundlage schreibt er die Novelle LENZ: „Am zwanzigsten Jänner ging Lenz durchs Gebirg’…“ Kurz darauf starb Büchner im Exil in Zürich in derselben Straße, in der während des Ersten Weltkriegs der russische Exilant Uljanow, genannt Lenin wohnen wird in unmittelbarer Nachbarschaft zum Cabaret Voltaire, der Geburtsstätte des Dadaismus.

1971 brachte sich Bernward Vesper um, kurz nachdem er aus der Psychiatrie entlassen wurde. Wie Büchners LENZ blieb auch sein autobiographischer Roman Die Reise ein Fragment. Darin beschreibt er sowohl seine politische Reise als auch seinen LSD-Trip. Zusammen mit seiner Verlobten Gudrun Ensslin war Ende der 60er nach West-Berlin gezogen, wo sie aktiv an den politischen Ereignissen jener Zeit teilnahmen. Bei der Vorbereitung zur symbolischen Sprengung der Gedächtniskirche traf Gudrun Andreas Baader. Kurze Zeit später ging sie mit ihm auf eine Reise ohne Wiederkehr: In Frankfurt/M. verübten sie im April 1968 zwei Kaufhausbrandstiftungen, die sie zu den bekanntesten ‚politischen Gefangenen’ jener Jahre machten. Kurz nach ihrer Haftentlassung tauchen sie unter und gründen die RAF. Vespers Fragment wurde 1976 posthum veröffentlicht: Der Prozess gegen die sog. ‚Baader-Meinhof-Bande’ beschäftigte die Gemüter. Am 9. Mai 1976 war Ulrike Meinhof erhängt in ihrer Zelle aufgefunden worden. Ein Jahr später überschlagen sich die Ereignisse, die zum sog. ‚Deutschen Herbst’ und der ‚Todesnacht von Stammheim’ führen (Ermordung von Buback, Ponto, Schleyer-Entführung, Kidnapping der ‚Landshut’). Vespers Roman wurde in den folgenden Jahren zum Kultbuch und gilt heute als „Nachlass einer ganzen Generation“. Letztes Jahr hat Felix Ensslin, der Sohn von Gudrun & Bernward, den Briefwechsel der beiden herausgegeben: „Notstandsgesetze von Deiner Hand“ Briefe 1968/69. Ein paar Jahre zuvor war von Gerd Koenen das Buch erschienen: Vesper Ensslin Baader. Urszenen des deutschen Terrorismus. Demnächst kommt Andres Veiels Film über Vesper & Ensslin ins Kino: Wer, wenn nicht wir.

„Unsere Geschichte mag zehnmal zuende sein, die Geschichte ist es nicht.“ (Gudrun Ensslin an Bernward Vesper. Frankfurt-Preungesheim, 19. April 1968)

Dass die Geschichte zu Ende sei ist ein Mantra, das wir nun seit bald dreißig Jahren zu hören kriegen. Für viele politische Aktivisten war Stammheim dann auch nicht nur das Ende ihrer Geschichte als politisch Aktive, sondern das Ende der Geschichte. Doch nicht nur RAF-Sympathisanten wie Peter Brückner, sondern auch rechtskonservative Intellektuelle wie Arnold Gehlen verkündeten damals die ‚Post-Histoire‘. Es folgten die 80er – eine in jeder Hinsicht merkwürdige Übergangsphase. Aus der Sicht der radikalen Linken eine „Konterrevolution“ (Paolo Virno). Sie begann mit der Wahl von Margret Thatcher 1979, Ronald Reagan 1980 und Helmut Kohl 1982. In Deutschland hieß diese „Konterrevolution“ ‚geistig-moralische Wende‘, in den USA ‚Reagonomics‘, in UK ‚Thatcherism‘. Es war nicht nur eine autoritäre Wende in der Politik, sondern auch der Beginn einer fundamentalen Umstrukturierung der Wirtschaft. Zugleich begannen die 80er mit der Gründung der Grünen, den Häuserkämpfen in West-Berlin, Hamburg, Amsterdam etc. Die ‚Alternativkultur‘ breitete sich aus als Netzwerk besetzter Häuser, selbstverwalteter Jugendzentren, Kollektivbetriebe, etc. Ein nicht unwichtiger Strang dieses Netzwerks war das sog. ‚freie Theater‘. Die Behauptung dieses Beitrags ist, dass dieses sog. ‚freie Theater‘ nicht nur eine enge Verbindung zum Jahr 1976 hat, sondern ebenso zum Jahr 1776 – in negativer Hinsicht. Denn was in jenem Jahr nicht seinen Anfang nahm, war das Volkstheater, das sich J.M.R. Lenz vorgestellt hatte – heute würden wir es mit -x schreiben – was stattdessen begann war jener faule Kompromiss zwischen Bürgertum und Adel, den sowohl der Staat als auch das Staatstheater unsrer Zeit prägt. Das ‚Volxtheater‘ sollte alle Stände umfassen, niemanden ausschließen und der Gesellschaft einen wahrhaften Spiegel vorhalten – auch jene „Kleinen“, denen Lenz später ein Stück widmete. Doch ein solcher ’sozialer Realismus‘ wurde mit der Ausweisung von Lenz ausgetrieben, stattdessen begann das Zeitalter der Repräsentation: Der Spiegel lügt. Es ist jener Zerrspiegel, der auch heute noch unsre Parlamente und die öffentliche Sphäre prägt: Ein Zauberspiegel, der nicht nur das zeigt, was da ist, sondern auch verbirgt, was nicht da sein soll. In unsern Tage sind das die „Gespenster der Migration“ (Mark Terkessides) – doch zu Gespenster werden sie erst in diesem Spiegel, der aus Sichtbaren Unsichtbare, aus Unsichtbaren Sichtbare macht: Die Macht, Lebendige in Tote und Tote in Lebendige zu verwandeln. Lenz‘ Anmerkungen zum Theater sind Kratzer auf diesem Spiegel. Doch Goethe’s Verdikt gegen Lenz ist bis heute lebendig geblieben. Deswegen kann das sog. ‚freie Theater‘ nicht auf Lenz verzichten. Brecht hat das ganz genau gewusst. Hier sehen wir das ‚ABC der teutschen Misere‘ durchbuchstabiert: Wie der junge Bürger vom Adel so lange geknechtet, gequält, gepiesackt wird, bis er sich selbst kastriert. Dann ist er soweit, wem auch immer zu dienen: dem Staat, dem Kaiser oder dem Führer. Dieselbe Knechtseligkeit steckt noch im Wort ‚Dienstleistung‘, jenem Fluch unsrer Tage. Bleibt: die Tat. „Handeln, handeln, handeln, das ist die Seele der Welt, dass diese unsere handelnde Kraft nicht ruhe, nicht ablasse zu wirken, zu regen, zu toben, bis sie uns Platz verschafft, Platz zu handeln – und wenn es das Chaos wäre, Freiheit wohnt nur hier!“ (Lenz über Götz von Berlichingen) Genau das warSchlingensiefs Schlachtruf: „Handeln handeln handeln, helfen helfen helfen!“ Erst wenn das Tun und das Tun-als-Ob nicht mehr zu unterscheiden sind, erst wenn niemand mehr sicher sagen kann, was ist und was nicht, dann haben wir eine Chance! Tun wir so, als ob wir nur so täten, dass wir was tun würden – aber tun wir was ! Wer, wenn nicht wir…

 

 

 

 

 

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deutschlandhaus

DEUTSCHLANDHAUS

Als heroischen Versuch, die Keller auszuräumen, ohne die Statik der neuen Gebäude zu gefährden, hat Heiner Müller Brechts Theaterarbeit in der DDR genannt, als er das Berliner Ensemble im Theater am Schiffbauerdamm eröffnete:

Theater spielt ihr in Trümmern hier

Nun spielt in schönem Hause, nicht nur zum Zeitvertreibe.

Aus euch und uns ersteh ein friedlich WIR

Damit dies Haus und manches andre stehen bleibe.

Dabei dachten WIR immer, in ihm haben WIR einen, auf den können WIR nicht bauen. So bauten WIR auf Dir eine Stadt und nannten sie: BERLIN. Und dort zogen WIR alle hin und vertrieben uns die Zeit mit Glücksspiel & Gesang. Waiting for Godard: Die Stunde NULL NEU(N): DREI ZEHN NEUNZEHN NEUNZIG. Feuerwerk, V2: Victory, verspäteter Ungehorsam. Doch da sind mehr als sieben Fehler im Bild laut Christoph Schlingensief: Deutschland, Deine Künstler! Vom Abschied von Deutschland am dritten Oktober 1998 hat er sich schnell wieder verabschiedet und ist mit Richard Wagner aus Afrika zurückgekehrt auf den Grünen Hügel. Da steht ein Haus: ein Festspielhaus. Das muss zurück nach Afrika, denn: „A soll sein, was es noch nicht ist“, laut Adorno, nämlich: ein O. Orpheus kehrt aus der Unterwelt zurück an die Erdoberfläche mit Gesang, aber ohne Frau. Er kriecht rückwärts aus einem Loch im Boden und alles, was er besingt, ist besiegt: Haus, Hof, Stall, Stadt, Straße. Am Ende bleibt nur Sonne & Gesang. Ein Kinderkreuzzug zieht vorüber angeführt von einem sprechenden Hund, einem Coyoten mit Filzfetzen im Fell. Eurasien zeigt seine Wunden: Otto von vorne wie von hinten von Habsburg erscheint in der Wüste als Frau, Sonnenstrahlen im Arsch, einen Mond als Bauch: „Ich sehe Sternchen: Zwölf an der Zahl.“ Ein Königreich für ein Kind! Interessierst Du Dich für Technik, wir bevorzugen Mädchen! Abkürzungen bedrohen ihr Kurzzeitgedächtnis mit akuter Verspätung. (Wörter: Gehörsamen.) Mörder, Banden, freie Wohlfahrt.

In Berlin steht ein Deutschlandhaus, doch Deutschlandhäuser müssen raus, damit in dieser großen Stadt Deutschland eine Zukunft hat: Tempel, Huren, Banken, Taxis zum Klo: Kellergewölbe, Klagegesänge, entartete Kunstwerke, Bodenschätze. Schräg gegenüber residiert die Topographie des Terrors, nebenan das Europahaus. Bunte Fenster, die Wappen vormals deutscher Ostgebiete, im hintersten Eck, am Lift, verbirgt sich eine Plastik (ohne die Statik des Hauses zu gefährden): „Christoph, bist Du’s?“ (Achtung Bühne: Gefahrenbereich.) Der Himmel kann warten, die Engel nicht: Die Kontinuität schafft die Katastrophe: Alles macht weiter usw. Freaks bevölkern uns wie wir sie. WIR wollten die Auflösung. Von der Karte streichen usw. WIR sagten: WIR sind das usw. WIR riefen: WIR SIND FRIEDLICH, WAS SEID IHR? WIR warfen Fragen nach ihnen voll brennendem Benzin. WIR säten Steine, ernteten Sturm. WIR ließen Drachen steigen, Windmühlen fliegen. WIR marschierten aus der Reihe und in die Reihe zurück. WIR gaben die Befehle: FEUER! WASSER! ERDE! LUFT! Und wartet, bis es Nacht wird: ein Keller voller Kunst, ein Tunnel ins Licht. Atmen. Graben. Schwimmen. Braten. (Sie haben den Topf auf dem Herd stehen gelassen. Ihn können wir gebrauchen, sie nicht.) Du bist Deutschland? Ich werde dunkel sein: Lenz.

text: alex, bild: brokof

text: alex, bild: brokof

deutschlandhaus

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FatzerBraz: ein Fleischexperiment

FLEISCHEXPERIMENT

Etwas über Bertolt Brechts ‚Ästhetik des Hungers’ und die Performance FatzerBraz

Links, 2, 3: „Und weil der Mensch ein Mensch ist, drum braucht er was zum Fressen, bitte sehr!“ (Einheitsfrontlied) Dass der Mensch vordringt zu der Kenntnis, dass zu erst das Essen kommt verkündet auch Johann Fatzer in einer großen Rede vor seinen Kameraden und verspricht ihnen, Fleisch zu besorgen. Auffällig ist dabei, dass im ganzen Stück dauernd das Wort ‚Fleisch’ statt ‚Essen’ benutzt wird. Dabei unterscheidet die deutsche Sprache ebenso wenig wie die portugiesische zwischen essbarem Fleisch (meat) und lebendigem Fleisch (flesh). Im Portugiesischen spielt auch die sexuelle Konnotation von ‚jemanden essen’ hinein – zu recht: wird doch von Brecht die Sexualität als „Furchtzentrum des Stückes“ beschrieben. Durchgängig spielt Brecht mit der kannibalistisch klingenden Ununterscheidbarkeit von Lebewesen und Lebensmitteln: So haben auch zwei von Fatzers Kameraden sprechende Namen: Koch & Kaumann. Am Ende des Stückes ist nicht klar, was mit Fatzer passiert, ob er von seinen Kameraden nur ermordet oder auch verspeist wird. In einer Notiz im Fatzer-Material im Archiv heißt es: „ein toter mann: / 170 pfund kaltes fleisch / 4 eimer wasser + 1 beutel / voll salz“. Die anthropophagische Lesart des Fatzer-Fragment speist sich aus der Erfahrung des Ersten Weltkrieges, in dem die Barbarei der modernen Zivilisation deutlich wird in der Doppeldeutigkeit des Plurals großer Kriegshandlungen und der Tätigkeit des Metzgers: Schlachten. (Schon Montaigne hat in seinem Essay über die Kannibalen die überlegene Moral der Menschenfresser gegenüber den Vernichtungsfeldzügen der Europäer hervorgehoben.) Die Zizizizivilis- wurde auch vom jungen Brecht spöttisch besungen, der sich jedoch unmittelbaren Erfahrungen mit den Schlächtereien erfolgreich entziehen konnte. An einen Freund an der Front schrieb er: „Ich denke zuviel. (…) Ich würde eine Offensive vereiteln.“ Er, der Denkende, diente lediglich als Sanitäter im Lazarett. Doch als Dichter konnte er wie kaum ein andrer dem Schock des Ersten Weltkrieges eine Sprache verleihen, dem sprachlosen Trauma der Menschen in den ‚Materialschlachten’. Fatzer spricht vom ‚Massemensch’, vor dem er sich am meisten fürchte: drehpunktlose Personen. Diese dramatis personae können keine Charaktere mehr sein. Der Dramatiker Brecht interessiert sich auch nicht mehr für sie – ihn interessieren nur noch Typen: Typen wie Fatzer. Oder Lenin. Wie Lenin bricht Fatzer den Krieg ab. Doch entspricht dem Typus Lenin viel eher dessen Antagonist Koch, bzw. Keuner, der Denkende, der spätere Held seiner Keunergeschichten. Koch, bzw. Keuner beschäftigt Brecht mehr als der Egoist Fatzer, als er die Arbeit am Fatzer abbricht. Wie Fatzer den Krieg. Es ist vielleicht Brechts bester Text, ein „Jahrhunderttext“ laut Heiner Müller: In dem Essay Fatzer +/- Keuner beschreibt er diese Verschiebung in Brechts Stück als ‚Materialschlacht Brecht vs. Brecht’: zwischen dem jungen undisziplinierten Aussätzigen und dem alten weisen Lehrer: Anarchist vs. Funktionär.

1978 fertigte Heiner Müller eine Bühnenfassung von Fatzer an. Er las Fatzer unmittelbar als Kommentar auf den sog. „Deutschen Herbst“, die terroristische Ereignisse des Jahres 1977 (Schleyer-Kidnapping, Landshut-Flugzeugentführung, Todesnacht von Stammheim). Die Strategie der Entführung von Repräsentanten der Macht zur Freipressung inhaftierter Genossen wurde zum ersten Mal von Carlos Marighella erfolgreich angewandt in São Paulo 1967. Nach dem Militärputsch hatte er mit der Kommunistischen Partei Brasiliens gebrochen, die nicht vorbereitet war auf die Illegalität und war in den bewaffneten Untergrund gegangen. Er wurde nicht nur theoretisch Che Guevara’s Nachfolger, sondern auch praktisch: Nachdem er dessen revolutionäre Focus-Theorie für die Landguerilla zur Theorie der Stadtguerilla weiter entwickelte hatte wurde er wie jener in einen Hinterhalt gelockt und am 4. November 1969 in der Alameda Casa Branca in São Paulo erschossen. Doch sollte in den folgenden Jahren sein Mini-Handbuch des Stadtguerillero noch folgenreich werden –auch in den westlichen Metropolen, im ‚Herzen der Bestie’, wurde es als Handlungsanleitung gelesen. Dabei gleichen seine Ratschläge auf unheimliche Weise den Anweisungen, die Brecht den Städtebewohnern in seinem Handbuch gibt: „Verwisch die Spuren.“ Und: „Iß das Fleisch, das da ist! Spare nicht!“ Hier ist, wie Benjamin geschrieben hat, nicht nur die Existenzweise des Emigranten beschrieben, sondern auch des illegalen Kämpfers, der im eigenen Land schon wie ein Flüchtling zu leben gezwungen ist. Fatzer hat jenen ‚Krieg ohne Schlacht’ zum Thema, der sich im Untergrund der Städte fortsetzt, nachdem man das Schlachtfeld verlassen hat. Brecht hat wie kein andrer vor oder nach ihm die Lebensweise der Großen Städte als sozialen Krieg begriffen. Wie die Mitglieder des militanten Widerstands der 1960er Jahre wollen Fatzer&Co. den Krieg in die Städte tragen: Die Kaufhausbrandstiftung der RAF-Gründer Andreas Baader & Gudrun Ensslin in Frankfurt/M. waren getragen von dem Gedanken, das „Vietnam-Gefühl“ in den „Wohlstandsinseln“ zu verbreiten, als welche man auch Städte wie São Paulo betrachtete: Zerschlagt die Wohlstandsinseln der Dritten Welt war der Titel jenes Buches, das Marighella’s Text in Deutschland verbreitete (mit einem Foto von São Paulo). „Der Kaufhausbrand war der verzweifelte Versuch“, so Müller, „die Zivilisation der Stellvertretung, der Delegierung des Leidens, zu provozieren, die Verlegung des Vietnamkriegs in den Supermarkt.“ Dabei ist das Beispiel Brasiliens nicht zu unterschätzen: So betrachtete Ulrike Meinhof die Militärdiktaturen in Lateinamerika (nach dem Putsch 1967 in Griechenland auch in Europa) als ‚präventive Konterrevolution’, gegen die man sich auch in Westeuropa bewaffnen müsse, da die Wiederkehr des Gespensts des Faschismus drohe. 1976 beging sie in Stammheim Suizid. Die Todesumstände wurden als ähnlich zweifelhaft empfunden wie die des regimekritischen Journalisten Vladimir Herzogs ein Jahr zuvor in einem brasilianischen Gefängnis: „Wer ermordete Herzog?“ war ein Schlachtruf des Widerstands in Brasilien, ein Künstler druckte den Satz hunderttausendfach auf Geldscheine. Für Müller war Meinhof eine zweite Rosa Luxemburg, die Mitglieder der RAF dagegen hielt er für die Widergänger des Jungen Genossen aus der Kalkgrube aus Brechts Lehrstück Die Maßnahme. In ihren konspirativen Kassibern im Hochsicherheits-Knast zitierten jene selbst Brechts berüchtigstes Stück: Es ist die Gewalt-Frage, die sie nicht loslässt, jene ‚Gretchen-Frage’ einer ganzen Generation: „Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht“ heißt es im Fatzer-Material. Sie alle hatten das Beispiel von 1933 vor Augen: Damals war die KPD ebenso wenig auf die NS-Diktatur vorbereitet gewesen wie die Kommunistische Partei Brasiliens auf den Putsch. Statt einen Aufstand zu beginnen, ließ sich die Partei liquidieren, ihre Mitglieder starben zu Hunderttausenden in deutschen KZs und Folterkellern. Brecht selbst machte sich keine Illusionen über das kommende Unheil und verschwand am Tag des Reichstagsbrandes aus Deutschland. Noch im Exil sprach er sich gegen die KP-Strategie der Bildung einer breiten Volksfront aus für das Beispiel Fatzer: Diktatur einer kleinen revolutionäre Zelle, um ein Beispiel zu schaffen. Statt auf die Revolution zu warten losschlagen. Fatzer: „Zu schwach uns zu verteidigen, gehen wir zum Angriff über“. Brechts Worte sind bis heute Wahlspruch jeder radikalen Bewegung, die auf Taten drängt: „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft hat schon verloren.“ Für Müller dagegen war das Schicksal der Fatzer-Keuner-Gruppe und der ‚Baader-Meinhof-Bande’ strukturell gleich: „Es gehört zur Tragik von militanten Gruppen, die nicht zum Zug kommen, dass die Gewalt sich nach innen kehrt.“ Die Gruppe ‚zerfleischt’ sich gegenseitig – eine weitere kannibalistische Vokabel für einen allzu häufig sich wiederholenden Vorgang innerhalb der Linken: Spaltung und Selbstzerstörung. Die Revolution frisst ihre Kinder, statt ihre Gegner. Fatzer-Chor: „ehe ihr Euer Bürgertum nicht vertilgt habt, werden Kriege nicht aufhören.“

Ende der 1960er Jahre ging nicht nur das eine Gespenst um in Europa, das Marx & Engels im Kommunistische Manifest beschwören, sondern viele: Die Toten der gescheiterten revolutionären Erhebungen am Ende des Ersten Weltkriegs, desertierende Soldaten, meuternde Matrosen und die aufständische Arbeiterinnen und Arbeiter in den hungernden Städten wurden mit den kämpfenden Massen in der Dritten Welt identifiziert: Che Guevara gekreuzigt ans Kreuz des Südens. Dort sah Müller den Geist der Partisanen auferstehen – der tote Hund am Rande der Autobahn kehrt als Wolf zurück. Durch ihr tragisches Scheitern sind die deutschen Terroristen, die sich mit den nationalen Befreiungsbewegungen in Lateinamerika, Afrika, Asien identifizierten, zu Gespenster unsrer Gegenwart geworden: in Filmen wie Bernd Eichingers ‚Baader-Meinhof-Komplex’ spuken sie als bedauernswerte Opfer einer Verblendung herum, verführt durch die radikale Ästhetik der Gewalt des antiimperialistischen Befreiungskampfes. Diese Ästhetik können Europäer gar nicht verstehen, so Glauber Rocha, der prominenteste Vertreter des brasilianischen cinema novo, denn es ist eine ‚Ästhetik des Hungers’. Das zeigt das Beispiel Brecht: sein Diktum, dass das Essen vor der Moral kommt, hat sich unter umgekehrten Vorzeichen im westdeutschen ‚Wirtschaftswunder’ erfüllt: „Wenn die USA, nach dem Wort von Che Guevara, das Herz der Bestie sind“ meinte daraufhin Müller, „ist die BRD der Magen.“ Im Magen der Bestie jedoch spricht man nicht vom Schlachten. Brechts ‚Ästhetik des Hungers’, die schon bei der Uraufführung der Dreigroschenoper possierlich gewirkt hatte, verliert ihren Charme für die Bourgeoisie in Stücken wie Fatzer oder Die Mutter (nach Maxim Gorki): „Über das Fleisch, das euch in der Küche fehlt / wird nicht in der Küche entschieden.“ So entwickelt sich die Mutter, da sie den Hunger ihres Sohnes nicht stillen kann, zur bewussten Klassenkämpferin: „Die Mutter ist die fleischgewordene Praxis“ schreibt Walter Benjamin. Wie Fatzer, der seinen Kameraden erklärt, dass sie als Soldaten denselben Feind haben wie ihre Gegner, die Soldaten der andren Seite, schafft es der Sohn, der Mutter klar zu machen, dass auch sie einen gemeinsamen Feind haben. Und dass zuerst das Essen kommt! In einem Land wie Brasilien, in dem das zentrale Reformprogramm der Regierung FOME ZERO (‚Null Hunger’) heißt, ist unmittelbar verständlich, was in Deutschland nur nach Moral klingt. Eben das ist der Grund, warum Brecht hier & heute nur noch ein Gespenst seiner selbst ist, ohne Stoff seines eignen Geistes, während er in der ‚Dritten Welt’ immer noch ein lebendig ist: ‚Frischfleisch’ für den Verzehr hungriger Gemüter. Für ein anthropophagisches Fest. „Im Zweifel ziehe ich den Kannibalismus der Lebenden dem Vampirismus der Toten vor.“ (Heiner Müller)

Während Brecht an Fatzer arbeitete, verfasste Oswald de Andrade das Anthropophagen Manifest: Der Weg zur brasilianischen Moderne könne nur durch den Rückgriff auf eine autochthone Kulturtechnik beschritten werden, nämlich durch die Einverleibung des ‚Heiligen Feindes’, „um ihn in ein Totem zu verwandeln“. (Dem hessischen Landsknecht Hans Staden wäre diese Ehre beinahe zu teil geworden, seiner Flucht verdanken wir den ersten Bericht aus der neuen Welt in Deutschland.) Wenig später wandte er sich von den eignen kulturrevolutionären Thesen ab und trat der Kommunistischen Partei bei. Zur selben Zeit bricht Brecht die Arbeit an Fatzer ab und nähert sich angesichts des erstarkenden NS-Faschismus der KPD an. Wie Fatzer und seine Kameraden wartet Brecht in seiner Berliner Wohnung auf die Revolution, um die drohende Konterrevolution abzuwenden. Das Scheitern der Revolution verhindert die Vollendung von Fatzer und führt zu Brechts „Emigration in die Klassizität“ (Heiner Müller). Mehr als zwanzig Jahre später, erst nach dem Aufstand der Arbeiter am 17. Juni 1953 in Ost-Berlin kehrt Brecht zu seinem alten Material zurück. Nun beschäftigt er sich erneut mit Fatzer und seinen Kameraden, besonders Büsching: Noch einmal trieb ihn die Frage nach der Verwertung der Produktivkraft der Asozialen um: ‚Helden ohne Charakter’ wie Macunaima, ein „sehr brasilianischer Brasilianer“, laut Mario de Andrade, der den Roman zur selben Zeit schrieb wie sein Namensvetter Oswald das Manifest (basierend auf den ethnographischen Studien über Mythen der brasilianischen Indios des deutschen Forschers Koch-Grünberg, die er aus dem Deutschen ins Portugiesische übersetzte). Macunaima ist aus den tropischen Wäldern und macht nur das, wozu er Lust hat: „Ach, diese Faulheit!“ Trotzdem ist er als einziger fähig, Essen zu organisieren. Wie Fatzer lügt er und verführt die Frauen seiner Brüder, dennoch folgen sie ihm in die Stadt und wieder zurück in den Dschungel, wo sie den Faulpelz schließlich sich selbst überlassen. In der Verfilmung von Joaquim de Andrade von 1969 nimmt ihn eine Guerillera auf, die tagsüber in der Stadt Bomben legt, während er den ganzen Tag auf der faulen Haut liegt. Er ist ein fauler, versoffener Gott wie Baal und somit ein „virtueller Revolutionär“ à la Meckie Messer oder Johann Fatzer. Demgegenüber steht der Stratege Koch, der Moralist und Terrorist, der später zum antiheroischen Helden von Brechts Keuner-Geschichten wurde: Als schwäbischen Mr. Nobody hat ihn Lion Feuchtwanger beschrieben, ein Odysseus in den Höhlen der Großstadt, ein Bloom (Tiqqun). Laut Benjamin drohte dem Dichter Brecht gerade von dieser Figur die größte Gefahr. Eine Gefahr, die nur die Gesellschaft der outlaws bannen könnte. Diese tauchen am 17. Juni 1953 kurz auf und werden von den sowjetischen Panzern zerstreut. Seitdem bleiben sie verbannt aus dem neuen Staat, obwohl Brecht seinerzeit den großen Nutzen hervorgehoben hatte, die gerade die Darstellung des Asozialen für den kollektivistischen Staat haben könnte. Brecht selbst galt nach seiner Remigration in die ‚sowjetisch besetzte Zone’ (SBZ) einer ganzen Generation von Schülern und Söhnen als Weiser, Vater, Lehrer. Dieser Ehrfurcht ist grundsätzlich mit Misstrauen zu begegnen – wissen wir doch aus Freuds Totem & Tabu um die Sohnes-Horde, die erst den Ur-Vater erschlagen hat, nur um ihn dann aus schlechtem Gewissen in ein Totem zu verwandeln! Dem Anthropophagen Manifest zufolge ist das gut & richtig so. In Deutschland gilt daher die Devise: ‚Esst mehr Brecht!’ 1998, zu Brechts 100. Geburtstag haben sich die Gründer von andcompany&Co. diesem Motto verschrieben und ihn in Form eines großen Kuchens gegessen: ‚Brecht bis ihr kotzt!’ Das Kulinarische, das Brecht seinen späten Stücken wieder zuführte, kann nur durch eine anthropophagische Kur überwunden werden: Brecht zu gebrauchen, ohne ihn zu verschlingen, ist Verrat!

Auch Oswald de Andrade hat sich gegen Ende seines Lebens auf seine alten Ideen besonnen. Aber erst Jahre nach seinem Tod findet seine Theorie Widerhall bei einer neuen Generation, den Künstlerinnen und Künstlern der Tropicalia-Bewegung (der bildende Künstler Helio Oiticica, die Sänger Gaetano Veloso, Gilberto Gil, Tom Ze etc.), die sich 1968 anschickten, die Beatles, Rolling Stones, Jimmy Hendrix und andere Einflüsse der westlichen Welt radikal einzuverleiben. In Brasilien hat andcompany&Co. die Chance gewittert, ihren anthropophagischen Umgang mit Fatzer dadurch zu legitimieren, dass sie Brecht brasilianisiert haben durch eine dort kanonisierte Kulturtechnik, die ihre Appetite nicht etwa gestillt, sondern noch vergrößert hat! Für Brecht ist der Esser das Bild des radikalen Revolutionärs: „Fröhlich machet das Haus den Esser: er leert es!“ heißt es Vom armen BB. Die Geschichte jedoch scheut die ‚tabula rasa’, die leer gefressene Tafel. Das Versprechen der Tropen ist es, dass die Tafel nie leer bleibt, sondern dass das Essen immer wieder nachwächst. Dass der Mangel überwunden wird in einer nicht kontrollierbaren Fülle. Ein Versprechen, das Heiner Müller, als Zeuge des ‚real-existierenden Sozialismus’, gefangen in der Verwaltung des Mangels, nur als Utopie erscheinen konnte. Die Überfülle ist das Versprechen der Neuen Welt, das jedoch seit der ‚Entdeckung’ vor einem halben Jahrtausend nie eingelöst, sondern immer nur ausgebeutet wurde. So konnte die Banane, für die Konquistadoren noch die ‚verbotene Frucht’ des an der brasilianischen Küste wieder gefundene Paradieses, zum Symbol der Massen werden, welche die Berliner Mauer zu Fall brachten mitsamt des Systems des Mangelsozialismus. Im Westen ist die Banane ein Symbol für die moderne Kunst, besonders für die populärste Kunst der Warengesellschaft: die pop-art. Jene Kunst, welche die Gründer der Tropicalia-Bewegung so kongenial mit den populären Volkskulturen des Landes verbunden haben. Damit haben sie etwas eingelöst, wovon Brecht in Europa nur träumen konnte: eine neuen Verbindung von Volkstümlichkeit und Avantgardismus. Brecht heute kann nur ein Tropikalist sein. Ein trauriger Tropikalist. Denn trotz des Reichtums herrscht immer noch der Mangel, der Hunger und in den Städten die Unordnung. Wann wird die Zeit kommen, in der man als Nachgeborene auch in den Megalopolen des globalen Südens nicht mehr singen muss: „In die Städte kamen wir in der Zeit der Unordnung, als dort Hunger herrschte.“ So vergeht auch unsre Zeit, die auf Erden uns gegeben ward.

P.S. „Lasst Euch nicht verführen“, sang Brecht, der Verführer: „Ihr sterbt mit allen Tieren. Und es gibt nichts nachher.“ Vielleicht hat Kunst ja mit der Tierwerdung zu tun, wie sie in Deleuze & Guattaris Kafka-Buch beschrieben ist, mutmaßte Müller im Zusammenhang mit Fatzer. Brecht konnte, bzw. wollte Kafka nicht verstehen: Er wollte nicht verstehen, dass die Käfer-Werdung Georg Samsas keine Tragödie ist, sondern eine Komödie. Es ist zum Lachen, nicht zu Weinen und nur lachend kann man die Verhältnisse ändern. Die Tier-Werdung ist die Suche nach einem Ausweg, einem Exit (Deleuze & Guattari) oder Exodus (Negri & Hardt). Eine Desertion. Ein Verrat an der eigenen Gattung, der noch grundlegender ist als der Verrat an der eigenen Klasse, den Brecht vollzogen hatte, als er den Angewohnheiten des Bedientwerdens und Befehlegebens überdrüssig wurde. Ein Verrat, der nicht angekündigt wird von einem Hahn, sondern von einem Papagei, der nichts mehr nachspricht, sondern etwas vorspricht: Er verrät uns einen neuen Namen, der nicht mehr der Namen ‚Brasilien’ sein wird, sondern der Name jener ‚fremden Heimat’, in der man noch nie war, die aber jeder kennt: Pindorama. Das ist, nach Ernst Bloch, die Utopie. Es ist die Utopie jener Deserteure, die sich nicht wieder auf die Sklavengaleere treiben ließen, sondern lieber auf der karibischen Insel zurückblieben, selbst auf die Gefahr hin, von den Einwohnern des Paradieses aufgefressen zu werden. Denn diejenigen, die dort an die Küste gespült wurden, „waren keine Kreuzfahrer“, so de Andrade: „Es Flüchtlinge von einer Zivilisation, die wir im Begriff sind aufzufressen, denn wir sind rachsüchtig wie Jabuti.“ Diesen „Flüchtlinge<n> aus den städtischen Sklerosen“, Städtebewohner wie Brechts Herr Keuner, rief er zu: „Den Kommunismus hatten wir schon. Die surrealistische Sprache hatten wir schon. Das goldene Zeitalter.“ Die Geschichte hat gezeigt: Koch, bzw. Keuner hat verloren und mit ihm das Modell der europäischen Revolution. Zeit also für die karibische Revolution, die de Andrade 1928 verkündet hat: „von der Französischen Revolution zur Romantik, zur bolschewistischen Revolution, zur surrealistischen Revolution, zum technisierten Barbaren von Keyserling.“ Lauschen wir den Sirenengesänge der Anthropophaginnen Pindoramas wie Macunaima nach seiner Rückkehr in den Dschungel, bevor ihn die Wasserhexe frisst: Bindet Odysseus los, ihr Ruderer! Kümmert Euch nicht weiter um ihn, der als Keuner (Niemand) den kannibalistischen Riesen bezwungen hat, sondern öffnet Eure Ohren und lauscht den Gesängen – folgt ihnen und lasst Euch fressen – vielleicht werdet ja auch ihr in ein Totem verwandelt: Im Zeitalter des globalen Kapitalismus ist Brasilianisierung vielleicht eine Chance, Eure letzte Chance – TROPICALYPSE NOW!

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politics in the sense of…

Politics in the sense of making things impossible

Heiner Müller once answered the old question WHAT’S TO BE DONE? with the formula: „making reality impossible!“ If politics is the ‚art of the possible‘, maybe art has to persue a ‚politics of the impossible‘?

In this confusion maybe the difference is helpful that Jacques Ranciere drew between politics and police. The police is a governing principle, measures taken to administer populations, the power not only to define what is right or wrong, legal or illegal, but also what is possible or impossible. Its tool is consent – a manufactured consent. Politics on the other hand is a permanent conflict-zone in which all of the above is put into question: right or wrong, legal or illegal, possible or impossible. Maybe this is why Müller once said that the only thing he still believed in was conflict. Everything else is taken care of by the police: agents of state-security, representatives of the moral majority or just your own super-ego.

So what does it mean to resist? What does the re- in resistance (or: revolution) refer to? Following Ranciere we would say that it means the withdrawal from the place that the police has laid out and to return to politics, to the conflict zone which precedes the order of things, the chaos before the differences are defined between this or that. What if the stage is that place? Or better said: should become that place in which this original turmoil takes place?

„Comrades, let’s be realistic: Let’s strive for the impossible!“ (Che)

http://making-things-possible.blogspot.com/

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„in dieser gespenstischen Gegenwart“

Rainald Goetz: Elfter September 2010. Suhrkamp-Verlag, Pappelallee 78-79. Gedränge: „So fing das bei der Love Parade auch an“. Ein andrer: „Wie bei Helene Hegemanns 18. Geburtstag.“ Ja, Panik – Panik ist der eigentliche Autor dieses Buches! Doch die Bücher sind nicht da, sondern unterwegs (wurden zuerst an die Lindenstraße in Frankfurt am Main, den alten Sitz des Verlags geliefert).

„In dieser gespenstischen Gegenwart“: 12 Jahre zuvor Goetz’ Poetikvorlesung PRAXIS an der Goethe-Universität: „Schwör’s!“ Goetz im Chance 2000 T-Shirt. Nun ist nur das Bindeexemplar vorhanden: „So war das nicht abgesprochen!“ Westwärts 2.2: Hommage an Brinkmann & Schleefs ZU HAUSE. Erzählt von Grundbanalitäten: Menschen, Häuser, Baustellen. Ab nach Mitte, Torstraße, Rosenthaler Platz: „Schön!“ Fotos, Fotos, Fotos, besonders oft vom Berliner Fernsehturm.

Von dort komme ich gerade her: Wollt ihr die totale Rekonstruktion? Baut auf, baut auf, baut auf, baut auf, Jean Paul Ratier baut das Stadtschloss wieder auf mit Pumpernickel und Würstchen. Als nächstes die Neue Reichskanzlei auf dem Marx-Engels-Forum. Albert Speer, icke & er: „Das ist das Ende der antihistorischen Epoche, ein Wiedereintauchen in Geschichte.“ Volksbegierde steinerne Archidiktatur: minimonumental. Hugo Boss in Naturstein & Holz. Preußenpunk.

J.P.

Rekonstruktion

Dann zweimal hintereinander denselben Flyer in der Oranienstraße bekommen: Freiheit statt Angst: Demo aufm Alex am 11.09.10 gegen Überwachungswahn. Ein Mann am Handy singt beim Empfang: „Versuch’s mal mit Afghanistan…“ Zweimal Kreuzburger, einmal Hauspommes. SPIEGEL online: Geplante Koranverbrennung abgesagt, Sarrazin zurückgetreten, Steinbach auch: „Polen hat zuerst mobilisiert.“ Zu recht! Willst Du den Frieden… Es ist Nacht, die Wälder wachsen noch, die Städte stehen noch. Es ist Nacht.

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Chance 2000: Scheitern als Chance!

Der folgende Text ist ein Beitrag von Nicola & mir für das Buch CHANCE 2000 – die Dokumentation, hg. von Johannes Finke & Matthias Wulff, erschienen im Lautsprecher-Verlag 1999 (vergriffen), in dem die Beteiligten aus den verschiedenen Landesverbände von Schlingensiefs Partei CHANCE 2000 ihre Erlebnisse geschildert haben: „Ich und Chance 2000“.  Den 98ern!

Party for your Right to Fight!

1997: DAS JAHRE NULL

Die erste Begegnung mit Schlinge. & Family habe ich Mitte 1997 gemacht. Zum ersten Mal mußte ich unverzüglichst nach Berlin, um Ufokrise ’97 – Schlacht um Europa an der Volksbühne zu sehen. In dieser Zeit steckte ich selber gerade in einer tiefen Ufokrise. Und da stand ich nun vor der V-Bühne und Christoph fuhr in einer fetten Limousine vor und zeigte auf Hale-Bopp, der über dem Theater schwebte wie der Stern überm Stall von Betlehem und rief: „Es funktioniert!“ Da wußte ich: hier bin ich richtig gelandet. Im Theater wurden wir dann wie Planeten im Saal herumgeführt und es wurde mir klar, daß Schlingensief der POP-Brecht sein würde und hier gerade Brechts beide Theatervorstellungen vom P-Typus und vom K-Typus des Theaters vereinte: der Theatertypus Planetarium und Karussell. (s. die Reden des Dramaturgen im „Messingkauf“) Hale-Brecht. INTERKOSMOS.

Während die Ufokrise ’97 in den USA die Mitglieder der „Heaven’s Gate“-Sekte in den  Kollektivsuizid trieb, Hippies überall den Beginn des Zeitalters des Wassermanns ausriefen, produzierte Schlingensief Trash-TV in der Kantine der V-Bühne – ich ging erst dorthin und dann auf die Love-Parade. Zeitgleich veranstalteten einige Frankfurter die Hate- und die Fuck-Parade gegen den Planetkommerz in Berlin – in Frankfurt machen wir seit 2 Jahren illegale nacht.tanz.demos: radikale Raver gegen das Ruhe- und Ordnungsamt, die Sperrstunde und die Privatisierung des öffentlichen Raums und der öffentlichen Sicherheit (im Rahmen der europaweiten INNENSTADTAKTION). Die „Disco-Demo“ wurde prompt von der Polizei verhindert: die Partysanen wurden von Robocops eingekesselt und verknüppelt, die Sound-Laster gestürmt und die Anlage zerstört. Das war unser größtes Glück! Noch 1996 bei der zweiten nacht.tanz.demo sahen wir uns auf dem Weg zu einer zweiten Frankfurter Love-Parade und ich als Partysan-Veteran sah darin ein „Schönes Scheitern“ wie das des Punk-Rock und fragte mich, ob wir um Polizei und Gewalt betteln müßten, um Underground zu bleiben. Diese untertänigste Bitte um Repression eines Untertanen des Untergrunds wurde prompt erhört: Es wurde die Chaos-Nacht, das Stalingrad der Partysanen. Rave & Riotz, Protest auf Pille: Einfahren und abfahren, abfahren und dann einfahren. „Stop The Music And Go Home, I repeat: Stop The Music…“ (Daft Punk).

Hessens Chance 2000: die PARTY-PARTEI

„Ich! Ich! Ich! Club der jungen Exzentriker.“ (Anti-Flyer gegen die nacht.tanz.demo, 3.Juli ’97)

„Party-Sahne“, nannte Jutta Ditfurth und GenossInnen ihren Anti-Flyer gegen die nacht.tanz.demo, um die Partysanen-bewegung der Stadt zu dissen. Die „Free Party“- Bewegung verteidigte ihre Clubkultur („Kein Club ist illegal!“) gegen staatliche Schikanen vom Ordnungsamt und den Bullenterror: System I, in Schlingensiefsprech. Durch illegale Parties und illegale Demos eine TAZ produzieren: eine „Temporäre Autonome Zone“: für eine Nacht lang eine „Republik der erfüllten Begierden“ erringen (Hakim Bey): die Frankfurter Republik. Doch was die Politik verschmäht wird von der Kunst gefördert: während auf der documentaX im „hybrid workspace“ das Video des „Inner City Rave Riotz“ lief, wurde Schlingensief, nachdem er 48 Stunden für Deutschland überlebt hatte, verhaftet für seine „Tötet Helmut Kohl!“-Rufe. Seitdem war er ein Held, einer von uns für uns. Kunst & Kriminalität – Politik & Verbrechen. Mit der Bahnhofsmission schob er dann noch die fetteste INNENSTADTAKTION  des ganzen Jahres 1997 hinterher, eine ganze Woche lang: das „Abräumen politischer Formen“ (Roberto Ohrt in der BEUTE 1 der Neuen Folge).

Seitdem war das Label „Schlingensief“ im Frankfurt Party- und Polit-Underground korrekt politisch und beim „Lucky Strike“ im Wintersemester freuten sich alle Streik-Studis über seine Solidaritätserklärungen als er „Bei Bio“ war und die Gründung der Partei ankündigte. Der Berliner Streikführer erschien auch prompt auf dem Gründungsparteitag: jetzt ist der Streik vorbei, jetzt machen wir Chance 2000 Wahlkampf. „Sturm auf die Festung der Repräsentation“ (Mark Terkessides in der SPEX).

Doch Schlingensief spaltete sich gleich wieder ab und gründete die Schlingensief-Partei, weil sich da nur Lobbyisten versammelt hatten und das war auch gut so – ich ging in die Frankfurter Opposition (alles schön nachzulesen im Chance Buch im Beitrag von Dietrich Kuhlbrodt). In Frankfurt machte ich erstmal auf Direktdemokrat und trat mit 2 V’s (Gregor Knüppel & Karl von X) an, um mich selbst zu wählen. Als aus Berlin aber das Botschaft kam: „Gründet zwei, drei, viele Landesverbände“, da wurde nicht lange gezögert und am 25.5. gründeten wir Hessens Chance auf dem „partyparteitag“ im SpacePlace, dem führenden Undergroundclub in F-Town seinerzeit. Ein Club junger Existenzen, politisch heiß bekämpft von der Staatsbürokratie (Ruhe- und Ordnungsamt).

Für die hessischen Chancisten war die Chance einfach ein politischer Club und keine Partei, ein republikanischer Club, einmal wöchentlich. In 23min hatten wir uns gegründet dank Kuhlbrodt’schem Turboverfahren und dem genialen System 1-Pragmatiker Dr. Matthias Riedel, seines Zeichens Lehrender für Marketing und Psychologie. Und die Party rockte uns locker den ganzen Sommer, den heißesten Sommer dieser Republik, seitdem es in Deutschland wieder Wahlkämpfe gibt. Egal ob korrekter Polit-Aktivist, Antifaschist, Ravedemokrat, Neoliberaler oder Neokommunist – alle wollten Bewegung, Abfahrt, Riotz, Speed: Den WAHREN SPACE!

„Rave-O-lution 1999“

UNI 3000: Frankfurter (Hoch-)Schule 2000

!Ich und Chance“, das war vor allem: der Dr. Carl Hegemann und ich, der Dr. Druff. Carl hatte den Sommer über einen Lehrauftrag am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft. Carl hatte 68 seinen heißen Sommer an der Frankfurter Uni; wir 98er Chancisten hatten den Wolfgangssee statt Woodstock, nicht Hans-Jürgen Krahl, sondern Hans-Jürgen Wacker. „Wie Wackersteine“, wie er mehrfach auf meinen AB sprach, viermal an einem Morgen, denn „die Partei hat gesagt, Du sollst Dich um mich kümmern“. Aus Hans-Jürgen wurde Chance Wacker Mai, wobei „Mai“ nicht für die Weltverschwörung alias „Multilaterales Abkommen für Investition“ steht, sondern für die „Metaller Arbeitsloseninitiative“, eine kleine, feine gewerkschaftliche Arbeitslosengruppe. Seitdem er das erste Mal im „Club der Letzten Chance“ erschien waren wir echt authentisch. HEY DO!

Die studentische Arbeitslosenbewegung hatten da größere Probleme mit der Chance und veröffentlichte ein wunderbare Schmähflugblatt gegen uns. Sie sahen in uns eine Art neuen „Opus Dei“ und vermuteten hinter der Chance-Partei einen weiteren Beleg für die Verschwörung von Künstlern, die versuchten, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Das hat uns sehr gefallen. Ganz im Sinne des SUBITO-Manifesto von Rainald Goetz. Nur noch die Langeweiler und Peinsäcke müssen vernichtet werden, dann übernehmen wir die Weltherrschaft. „Vor uns? Nichts. – Nach uns? Nichts. Alles, was wir anfangen, wird vollendet.“ (Frei nach Laibach) Wir bestehen auf deiner Freiheit. Die Chance kommt nicht wieder. (Lacan)

Am 18. Mai fand das erste Hegemann-Seminar statt. Zum ersten Mal sehe ich das ersehnte Chance Buch, zum Abschied verabrede ich mich mit Carl im Hotel Prora. Mit Henrik Kuhlmann bin ich dann eines frühen Morgens nach Berlin aufgebrochen. Völlig verbunden lief er bei mir ein, nachdem er nachts zuvor besoffen vom Fahrrad gefallen war. In einem strahlenden Frühlingslicht fuhren wir los und haben uns nach 1 1/2 Stunden Fahrt erstmal verköstigt mit Kaffee und einem Viertelchen SpaceCake, unserem Glückskeks. In allerbester Jubelstimmung sind wir strahlend in Berlin eingefahren und ich hab mich zum Hotel Prora begeben, wo grad keiner da war, weil sie alle bei Jelinek’s „Sportstück“ in der Schleef-Inszenierung waren, um von den Theaterfreunden Unterschriften zu sammeln. Nachdem ich ein Stündchen im Auto locker gemacht hatte, checkte ich dann ein und verbrachte eine wunderbar druffe Nacht im Hotel, las aus Rainald Goetz‘ Frankfurter Poetik Vorlesung PRAXIS vor usw. Am nächsten Tag hackten wir wieder zurück und liefen im Ostklub ein, wo Freunde von mir gerade das Haus rockten und mich ans Mirkophon zwangen, wo ich dann -mittlerweilen völlig besoffen- Chance-Propaganda propagierte, nur um mich dann mit einem meiner Freunde zu kloppen, wobei wir beide auf dem Steinboden aufschlugen, er sich das Gehirn erschütterte und ich mir die Nase anbrach. Henrik fuhr mich in das dasselbe Krankenhaus, in dem er 2 Nächte zuvor eingelaufen war, wo wir auch denselben diensthabenden Arzt trafen, der mir den Schädel röntgen ließ. Vermutlich um das Schlingensief-Braininsert aufzuspüren, was mir in Berlin implantiert war.

PAULS KIRCHE 1848/1998

Nach dem ersten Hegemann-Seminar ging ich mit Henrik in die Stadt, weil wir uns den 1848 Festakt in der Paulskirche nicht entgehen lassen wollten, dieses pompöse patriotische Spektakel der politischen Klasse. Das Symbol der deutschen Demokratie voll mit BRDemokraten, die das Scheitern der deutschen Revolution abfeiern: „150 Jahre Scheitern als Chance“ – Schlingensief also ein reiner deutscher Demokrat.

Hinter dem Polizeikordon kamen wir zum Stehen, es gab nix zum sehen, nur die Orgelklänge der Nationalhymne hallten schauerlich durch die runden roten Wände. Auf einem Mega-Schirm konnten wir live die Bundesprominenz das Deutschlandlied singen sehen. Da kam unsere CDU-OB Petra Roth mit einem kleinen Mann vorgefahren: Gerhard Schröder, allerdings noch nicht als „neuer Kanzler“, sondern in seiner Eigenschaft als Bundesratspräsident. Wo war Helmut Kohl? Und wo Christoph Schlingensief! Dann gab die Roth dem Schröder die Knarre. Der kleine Haufen Volk, der sich angesammelt hatte wurde wütend. Warum konnte man nur so scheiße sehen? Schröder hob die Knarre in die Luft, aber hinter dem verfluchten Einheitsdenkmal konnte man nur drei Ruchschwaden in die Lüfte steigen sehen, als Schröder feuerte, und zwar nicht um Frau Roths Tauben abzuballern, die die ganze deutsche Geschichte vor Ort zuscheißen, sondern als Startsignale für den hessischen Marahthonlauf, den Demokratie-Run. Der Volxhaufen kochte und knurrte: „Wir sind das Volk.“ „Wir sind alle 1 V!“, riefen Henrik und ich.

Meinem Nachbarn erzähle ich, wir wären von der APO 48, einem Journalisten, der mich darauf ansprach, wir seien von CHANCE 2000, eine Vorhut von Christoph Schlingensief, der Rache geschworen hatte, weil er von dieser Nationalversammlung wieder ausgeladen worden war- und nun zurückkehren würde, um Demokratie zu predigen.

4 Tage später waren wir da. Im roten Rundbau des deutschen Demokratietempels wurde „1848“ inszeniert, ein parlamentarisches Protokoll des Frankfurter Publizisten Walter Boehlich, inszeniert vom Frankfurter Schauspiel mit Frankfurter Schauspielern als deutsche Demokraten, die vom Volke sprachen, „das sich nicht schämt, Volk zu sein“. Kaum war ich von Dietrich Kuhlbrodt instruiert vom Hotel Prora mit Henrik zurückgekehrt, hatte ich mich mit Rebekka und anderen GenossInnen der demokratischen Linken zusammengehockt und wir hatten eine Aktion ausgeheckt: Mit kleinen Agit-Prop-Plakaten empfingen wir das bürgerliche Publikum als „APO 48“. Auf den Plakaten prangte: „Volksdruck“ und „Fürsten besteuern! Demokratie & Geld her!“ und „Krieg den Hütten, Paläste für alle! Chance Gleichheit!“ Einem verirrten Linksruck-Aktivisten konnte ich glaubhaft aufschwatzen, wir seien die historischen Vorläufer seiner Organisation, denn wir hatten unser Logo auch durchaus als Parodie auf die umtriebigen Trotzkisten gestaltet. Den Kulturbürgern und Theaterfressen erzählte ich, Friedrich Engels sei mit Schlinges Familie verwandt und Christoph noch immer voller Groll, daß Karl Marx aus dem 48er Palaverment ausgeschlossen worden sei. Dadurch sei doch die deutsche Revolution von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen: Marx statt Bismarck! Das mögen nicht alle geglaubt haben, aber wir hatten eine korrekte Art der Intervention gefunden. Auf einem historischen Flugblatt Berliner Revolutionäre gegen das Polizeimassaker an den demokratischen Demonstranten hatten wir eine Original-Gagern-Karikatur abgebildet, die eher Helmut Kohl als Heinrich von Gagern glich. Kohl muß Bürgerkönig werden: 100 Jahre CDU, 150 Jahre Helmut Kohl ….  Die Paulskirche vom Geiste Helmut Kohls befreien!

Karikatur 1848

So. 13. Juni war der Termin, 13h am Paulsplatz, auf dem Einheitsdenkmal: Die Demokratiepredigt des „Christus Schlingensief“ (Rainald Goetz).

Als ich an diesem Morgen nach kaum Schlaf neben Rebekka erwacht war,  fand ich sie in eine grünhaarige joyceísche Molly verwandelt und mich in einen militanten Priester, der das Kruzifix gegen ein Megaphon ausgetauscht hatte. Rebekka lachte über meine Messdienerleistung, aber (…) ich wollte eher einen radikalen Rabbi spielen als einen Protest-Pfaffen. (…) Nicola und Andrea kamen, um den Chance-Chanson zu proben mit Ulf, dem Barden der Partei Peter Prahl, der in demselben Wohnprojekt wohnt wie ich seiner Zeit: dem  Projekt für Wohnen Kultur und Aktion e.V. „ProWoKultA“, ein echtes Chance-Nest. Es schien so, als sei das ganze Haus wild am Wuseln an diesem Morgen und hektisch wurden die Autos mit Anlage, Boxen, Kostümen, etc. bepackt. Rebekka hatte sich die grüne Perücke auf ihren Druffkopp gesetzt und schminkte sich die Lippen schwarz, mir hatte Pierre, der Plattenspieler der Partei alias Moniseur Guisbert Grottke Pomade ins Haar geklatscht. So trafen wir am Paulsplatz ein, wo unsre Jungs schon Hand angelegt und die Anlage aufgebaut hatten, sodaß wir schon mit wuchtigen Beats und Terrortechno empfangen wurden von DJ Jonny Jungle & Combo. Sofort sollte ich mit dem Texten beginnen, was mich trotz Megaphon bei dem Krach innerhalb weniger Viertelstunden meine Stimme kostete. Schnell wurde ich böse, da das Laufpublikum nur herumstand und keine Anstalten machte, zu unterschreiben und wir hatten nur noch wenig Zeit. Dementsprechend beschimpfte ich die Anwesenden und verlangte von ihnen, die 4. Wand einzureiþen, die uns trennt.

Eine hochschwangere Kommilitonin hatte Schlingensief in ihrem offenen Cabrio vom Flughafen abgeholt und da kam er dann im Bischofsgewand stehend im „Papamobil“ auf den Platz gefahren. „Christus Schlingensief ist DADADA!“, konnte ich nur noch plärren, die Sonne brach heraus und alles schien sich zum Guten zu wenden. Doch Christoph schlüpfte schnell aus seinem Gewand und hielt seine glatte Rede, ohne auf die demokratische Liturgie einzugehen, die wir im Seminar mit Hegemann vorbereitet hatten. Wir hatten einen zeremoniellen Chor einstudiert, der mit  Schleefs öffentlichen Chorproben an der Hauptwache und der Konstalberwache sich hätte messen lassen können: das Grundgesetz als Massenchor. (In den vielen kleinen Pocket-Grundgesetzen, die in Frankfurt 1998 auslagen, stand im Vorwort von Rita Süßmuth, man könne das Grundgesetz zwar „nicht zur Laute singen“, aber. Eigentlich wollten wir eine Rock-Version erarbeiten, war uns dann aber zu retro, zu Jürgen Kruse. Ich wollte ganze Passagen in Hexameter umdichten, so wie Brecht das mit dem Kommunistischen Manifest versucht hatte.) Und das ganze im Rahmen einer säkularen Messe. Wir verteilten Oblaten und forderten dazu auf, „mehr Schlingensief zu essen“. Denn Christoph ist die OBLATE FÜR ALLE  und wir wollten einen „transsubstantiellen Wahlkampf als Chance für eine transsubstantielle Politik“ (Detlef Neufert). Rebekka und Henrik fingen an zu schreien, daß sie Hunger Hunger hätten und Rebecca stürtzte sich von hinten auf Christoph und biß ihm in die Schulter. Auf mich stürtze ein Kommillitone los, der mein Megafon an sich reißen wollte. Ich schüttelte den Angreifer ab und wehrte mich. Mit Mega werde ich zu MEGALOMANIAX und drosch verbal nun auf alles los, was sich rührte. Die Theaterwissenschaftler, die nicht als Chancisten da waren, hatten eine Gegenpartei gegründet und riefen nun „Faschismus“. Was eine unglaubliche Unverschämtheit ist, bekenne ich mich zu einem radikaldemokratischen Verfassungsfundamentalismus: „UNSERE TREUE HEISST VERFASSUNG!“ Und ich fordere eine gute Verfassung- und zwar für jedes V. (Geschrieben am 6.2.1999, dem 80. Geburtstag der Weimarer Verfassung).

Und dann wandteich mich meinen Kommilitonen zu und outet deren gegnerische „H.T.L.“-Partei als „Hitler-Partei“ und die Theaterwissenschaft als einen Faschismus, da die 4. Wand zementiert würde. (…) Ich pöbelte weiter vor mich her gegen die 48er Feierlichkeiten, daß die wie die Abifeier eines Jahrgangs sei, der komplett durchgefallen ist, weil wir eben keine Franzosen sind. Daß Frankfurt sich aber mit Frankreich wiedervereinigen wolle (wie das auch der LV Baden-Würtemberg vorbereitete). Und daß wir in Frankfurt VOLK mit F schrieben und Faschismus mit V… Christoph machte derweil ganz auf netten Nachbarsjungen und distanzierte sich von uns allen, v.a. von meinen Erklärungen, wir würden nun die Paulskirche stürmen, um ihn dort zum König zu krönen. Und dann zum Kaiserdom weiterziehen, um ihn zum Kaiser zu machen. Damit er dann Papst werden könne. „Ähh, eigentlich wollte ich nur ein paar Unterschriften…“

Das ganze Rausgerissen haben Guisbert Grottke, der Plattenspieler der Partei und Peter Prahl, unser Barde und die Glamour-Girls auf dem Einheitsdenkmal. Der sanfte Chance-Chanson versöhnte die aufgebrachten Gemüter. Man entspannte sich wieder, Peter Prahl gab noch ein paar Schlager zum besten, auch Carl fiel aus heiterem Himmel einer ein und so blieben auf einmal auch die alten Leute verträumt stehen und lauschten dem Werben der Chance. Ich war inzwischen auf Solo-Tour und drehte ein paar friedliche Runden um die Paulskirche und plauderte von den „intersubjektiven Flugerlebnissen“, die wir alle haben würden, wenn 2012 erstmal die Naturgesetze außer Kraft gesetzt würden, wie wir dann in Formation über der Paulskirche kreisen würden und daß im Kommunismus die Hunde fliegen… Alles so Sachen, die ich aus Carls Seminar in meinen eignen wirren MIX mischte. Auch Sachen, die ich bei Dietrich Kuhlbrodt im Jahr zuvor gehört hatte. In seinem „Filmkritik schreiben“-Seminar habe ich über Film schreiben gelernt und über Emmerichs „Interdependence Day“ geschrieben und halluzinierte nun, daß auch uns in Deutschland der ID-Day bevorstünde, an dem die Außerirdischen die Paulskirche wegbomben würden und alle geilen Hochhäuser dieser Stadt. Bis mich ein Busfahrer ansprach, ob ich das Spektakel nicht seinen Gästen erklären könne, die im Bus auf die Abfahrt warteten. Es waren israelische Historiker und als ich ihnen grob davon berichtete, daß wir uns alle selber wählen wollten und daß dieser Clown Christoph Schlingensief der Vorturner der Demokratie sei, sagte einer nur laut: „Unsinn“ und alle lachten laut. Purer Unsinn, genau, genauer: DADA. Für mich das einzig Wahre seit 1914. Gegen das Wahre, gegen das Schöne, gegen das Gute. Und außerdem: die Israelis können über uns lachen, weil sie 1998 nicht 150 Jahre gescheiterte Demokratie feiern, sondern den fünfzigsten Geburtstag ihres demokratischen Staates. Ich kehrte zurück und traf Rene, der auch direkt kandidieren wollte als „Jüdische Mitte für Deutschland.“ Ich zog meine Priesterkutte aus und distanzierte mich von der ganzen Katholizismus-Koketterie, die ich gepredigt hatte, setzte mir die Kippa auf den Kopf, die Rebekka mir geschenkt hatte und las Levinas vor über „Asylstädte“ (Auszug aus dem Traktat Makkot, 10a). Für Israel ist religiöses Heil nicht möglich ohne Gerechtigkeit in der Stadt. Es gibt keinen anderen Weg zum Heil als über die Wohnungen der Menschen. Die einzige Heilige Stadt: Jerusalem 3000. Frankfurt aber ist eher Tel Aviv am Main. Shantel ist schon längst dorthin emigriert, wie auch alle anderen Stars Frankfurt fluchtartig verlassen haben. Frankfurt ist am Ende. Nun war ich endgültig verstummt, das Schweigen nach dem Schreien. Der große Lehrer Levinas schreibt in „Judentum und Revolution„: „Zwischen der revolutionären Attacke und der bloßen verbalen Dreistigkeit liegt ein Abgrund.“ Vielleicht muß ein Revolutionär auch revolutionär schweigen können. Und nicht nur die Personen im Publikum und andere attackieren. Mittlerweilen hatte ich mit meinem Terror real alle abgefuckt. Meine Kommilitonen, die nun nicht mehr mitspielen, die Zuschauer, die nicht unterschreiben wollten und meine Freunde, die sich den Arsch aufgerissen hatten. Zugegebenermaßen war ich ja auch ein wenig stolz auf den erbosten Mittelfinger, der mir entgegengestreckt wurde. Aber über die verbale Gewalt sagt Levinas: „Das Zerreissen der verbalen Verbindungen und das Verletzen der ungeschriebenen Gesetze der Sprache erhöhen die Kriminalität wie eine erste Bresche in der Mauer der Normen, wie das Übertreten der rituellen Gesetze.  …“ Den ganzen lieben Rest des Tages gingen dann Christoph und ich arbeitsteilig mit unseren Megas vor und sammelten wie die Besessenen, v.a. grasten wir das Stadttheaterpublikum ab. Ganz anders erlebt hat diesen Tag Nicola:

NEUE MÄNNER SINGEN SICH INS NÄCHSTE JAHRTAUSEND

Meine erste Zusammenarbeit mit der Partei endete fast in einem Hörsturz. Ich war von einer Freundin als Glamour-Girl für die Demokratiepredigt, eine Wahlkampfaktion an der Frankfurter Paulskirche, mit Schlingie persönlich, engagiert worden (ideell natürlich). In rosa Röckchen und bauchfreien Chance-2000-Shirts hüpften wir auf die Klänge der Chance-DJ’s. Leider sollte mir der Ruf als Glamour-Girl (also das Popo-Wackel-Girl von Chance 2000 zu sein) ziemlich lange an mir hängen bleiben (was ich nicht gerade als einen Vorteil empfand). Nachdem ich mich mit Chance-Artikeln (Feuerzeuge, Kugelschreiber und Aufkleber) eingedeckt hatte, wurde mir übel, da es so unglaublich laut war. Es wurde eigentlich nur geschrien. Aus Mega- und Mikrophonen. Eine Frau mit grüner Perücke hatte Hunger und teilte das auch jedem mit. Fußball wurde auch gekuckt, ein andere im Eintracht T-Shirt (offensichtlich ein Spalter) stand ewig unter einem Regenschirm und glotzte in die Leere. Der Typ, dem das alles eher peinlich war, das war Schlingensief. Der andere mit dem Lockenkopp sang plötzlich Schlager in das Chaos, brachte die Sonne zum Scheinen und mich zum Lächeln. Das war wohl der Moment, wo mich Chance 2000 zu interessieren anfing. Na ja, außerdem war ich in den allerlautesten Krakehler verliebt, der dort im Priestergewand herumsprang und zu dem Zeitpunkt zu dem Heftigsten Chance-infiziert war. Schon bald fing ich an, den Club der Letzten Chance zu besuchen, wo ich viele Männer traf, die auf „ihre“ Chance warteten und freudig ein neues weibliches Gesicht begrüßten. Das übliche Pläneschmieden, das Schmieden von Plänen und das Übliche, manchmal mit Musik und dann wurde getanzt. Dann tanzten aber auch alle. Unser Quotenarbeitsloser Hans-Jürgen Walser tanzte Wacker und räumte zwischendurch auf.

(…)

WOLFGANGS SEE:

Die „Party-Pressekonferenz“ war sehr interessant, da sie inszeniertes, stilisiertes Chaos war und unglaubliche Momente hatte (nur der Journalist der Senioren-Zeitung wußte nicht, was er über Chance 2000 schreiben sollte). „Auf zum Wolfgangssee“ war das Schluß-Motto der PPK. Badehose und Handtuch wurde hervorgeholt und die Leute auf die Autos verteilt (ich kürze hier die Stelle mit der noch oberchaotischeren Nacht dazwischen raus). Wir nahmen Hans-Jürgen Wacker bei uns im Auto mit, der schon mit einem Müllsack als Gepäcktasche auf uns wartete. Leider war er gerade in eine Prügelei verwackert (ich verschweige an dieser Stelle, das die Prügelei wegen mir und meinem Damenklobesuch war). Wir zogen ihn ins Auto und es war erst einmal sehr laut, Hans-Jürgen braucht kein Megaphon (und regte sich immer noch schrecklich auf). Da der Mensch ja bekanntlicherweise anpassungsfähig ist, hatten sich meine Ohren bald an den Geräuschpegel gewöhnt. Wie es sich für echte Chancisten gehört, fuhren wir im Konvoi. Hinter uns das Chance-Druffi-Mobil mit der Frau und dem großen Hut und dem Mann mit dem großen Mund. Nach fünzig Kilometer stieß das Druffimobil große schwarze stinkende Wolken aus und wir hielten auf dem Greenbelt an. Da saßen wir erstmal eine Stunde, bis der ADAC kam (mit dem sich Hans-Jürgen noch ein paar Viertelstunden wegen dem Motor stritt, als Maschinenbaumeister, z. Zt. ohne Wirkungsgrad). Dann wurde das Auto abgeschleppt. Jetzt hatten wir nur noch ein Auto und machten es uns zu fünft gemütlich. Es wurde gesungen, gemeckert, gelacht, geschrien, getuschelt und getschekkt, bis immer jemand noch lauter schrie und alle wieder eine Weile ruhig waren. Nach zehn Stunden, nachdem wir durch das dunkelste Gewitter gefahren waren, das alle von uns jemals gesehen hatten, kamen wir am Wolfgangssee an. Dort trafen wir Christoph und seine Gang. Wir feierten Werner Brechts Geburtstag, Axel Silber mochte mich sofort und wollte mir privaten Unterricht im Nacktschwimmen geben. Die Stimmung war euphorisch. Wir hatten als einzigste keinen Schlafplatz. Also schleusten wir uns illegal auf irgendeinen Campingplatz ein zwischen österreichischen Dauercampern. Ein Chancist (Mario Falcke, unsere Rettung) lieh uns ein Iglo, Hans-Jürgen schlief im Freien und hatte Glück, daß er durch sein Schnarchen kein Dauercamper weckte. Wir wurden durch die saunaähnliche Temperatur in unserem Iglo wach, es war ein wunderschöner Tag – der Tag!

Die anderen beiden waren mit unserem Auto weg, Geld hatten wir deshalb keines und warteten sehnsüchtig und ungeduldig auf deren Rückkehr. (Sie hatten vor dem Campingplatz auf dem Parkplatz im Auto gecampt, nachdem sie die ganze Nacht in Salzburg in einem „Club 2000“ Party gemacht hatten). Endlich war es so weit, wir fuhren zu dem Strand am Wolfgangssee, an dem alle Chancisten auf ein ZEICHEN warten sollten. Von Christoph war keine Spur, aber Presse war da, doppelt soviel wie Chancisten. Sie waren aufgeregt und rannten über mein Handtuch und beinahe auch in meine Gitarre. Endlich kam Christoph. Er hatte sich als Michael Schuhmacher verkleidet. Trotzdem stürtzte sich die Presse auf ihn und machte alles, was da noch so rumlag, schmutzig. Dann kam das Zeichen, auf welches sie fast alle ins Wasser sprangen. Mein Freund schwebte bei dieser Aktion übrigens zweimal fast in Lebensgefahr. Zum einen, weil er vor lauter Aufregung vergessen hat, seine Jeans auszuziehen und deshalb fast ertrank. Zum anderen, da ihn zwei Boote, in denen die Presse saß, einkeilten, und ihnen beinahe zerquetschten. Wir sangen und schwammen und es war sehr lustig. Mich verfolgte ein Schnorchel, das war der Mann mit der Unterwasserkamera, der das, was von mir unter Wasser war, filmen wollte. Abends feierten wir unseren Erfolg in einem österreichischen Wirtshaus. Hans-Jürgen hatte sich derweilen mit dem Manager und besten Freund von Schlingensief angelegt und verlangte dessen Kündigung. Es wurde nicht mehr gesungen, die meisten waren jetzt allein. Wir hatten uns um ein Zimmer gekümmert, Hans-Jürgen wollte wieder auf seinem Campingplatz schlafen. Das war so ein bißchen wie Urlaub. Nach dem Frühstück holten wir Hans-Jürgen ab, der sich mit Dauercampern angefreundet hatten, die auch an der Bar abhingen. Wir fuhren wieder nach Frankfurt und gaben den Parteigenossen Bericht ab. Meine Oma rief zwei Tage später an, und erzählte, daß sie mich oben ohne zwischen lauter Verrückten auf RTL gesehen hat. Weiter im alextext:

Wolfgangs See: unser Woodstock! Wir sind die 98er!

BLABLABLA plärrte ich durchs Megaphon. Ich war heilfroh, das Mega mitgenommen zu haben. Meine Waffe, mein Baby: mein Megaphon. Es wurde auch dringendst gebraucht: Christoph hatte seins vergessen und plötzlich war die APPD war im Anmarsch. Eigentlich auf der Suche nach einem versteckten Pinkelplatz traf ich auf eine finstere Horde mit schwarer Flagge mit Fraktur-Schrift: die APPD! Zurück zum Badeplatz gestürtzt und zum Mega gegriffen. Bevor die Punk-Prolls ihre Lieder gröhlen konnten, begrüßte ich sie freundlich und dankten ihnen dafür, daß sie stellvertretend für alle 6 Millionen Arbeitslose gekommen sein, um mit uns mit Kohl baden zu gehen usw. Sie wollten uns übel und ließen die einzige Frau, die sie im Team hatten, ins Wasser pissen und kotzen kurz bevor wir da alle reinrannten und machten sich locker und nackig, die anarchistischen Porno-Punk Deppen. Sie gröhlten dann weiter ihre Lieder von der Balkansierung Deutschlands und so, das fand ich auch OK, bin ja auch dafür. Sie hatten eine viel größere Show aufgefahren als Christoph, aber die Medien interessierten sich kaum für sie, dafür aber die Bullen. Dank der nackten Punker, die mittlerweilen rumfickten, rückten plötzlich eine Armada an Militaria-Polizisten an und stressten rum. Gott sei Dank war Hans-Jürgen da, der Freund und Helfer der Polizei. Sein Einsatz, er rannte zu ihnen und redete auf sie ein. Der Mann ist eine Waffe. Er hatte sich mittlerweilen auch des Megaphons bemächtigt und sorgte für Ordnung und Sauberkeit. Dafür hatte er extra noch ein paar extra Müllsäcke mitgebracht und forderte nun vor allem die APPD auf aufzuräumen und die Bierdose zu entsorgen. Hans-Jürgen hatte mittlerweilen so viel erzählt, daß alle, die uns als „die Hessen“ kennenlernten nur noch sagten: „Ah ja, Frankfurter Bürgerwehr.“ Die Idee hatte wohl bei ihm gezündet. Hans-Jürgen ist der Held jedes Theaterfreunds, er hat nie eine 4. Wand. (Hans-Jürgen ist so Chance 2000 wie kaum einer.) Mit meinen Freunden, den Chance-Hippies, verzogen wir uns von der Szenerie und verschwanden. Wir hatten unseren Spaß gehabt. Ich habe mein Megaphon gehabt und bin mit Christoph Händeschütteln gewesen und all den Scheiß, es war ein rauschender Erfol gewesen, die ganze Aktion, von A bis Z. Wir alle wußten, daß kaum ein Schwein nach St. Gilgen kommen würde, schon gar keine Authentischen (außer Hans-Jürgen), aber die ganze Zeit hat die ganze Republik davon geredet und sich dieses Bild vorgestellt: ein Millionenheer an Arbeitslosen stürtzt sich in die Tiefen des Sees wie die Lemmingen, die Flut steigt…und am anderen Ende tauchen sie wieder auf mit den Goldschätzen der Nazis in den Händen…

SCHEITERN 2000: der PLEITEPARTEITAG

Für Christoph und die Berliner war der diese „Abstimmung mit den Füßen“ am Wolfgangssee die eigentliche Wahl. Die Millionen Unsichtbaren sollten zu Helmut Kohl gerannt kommen wie die Ossis zur D-Mark. Unser Scheitern war kolossal, also glorreich, jedenfalls glorreicher als die nüchternen 0,1% bei der Wahl. Auf dem Pleiteparteitag in Berlin verkündete Christoph daraufhin den materiellen und ideellen Ruin der Partei. Nicola und ich waren extra mit einem Propellerflugzeug angeflogen gekommen, hatten noch unseren ersten Flieger verpaßt und irrten eine Stunde lang durch Berlin, um die Chancisten zu finden. Alle Handies waren aus und keiner wußte, wo die Partei ihre Versammlung abhielt. Schon völlig aufgelöst standen wir auf einem Hinterhof, ich war schon am Ausrasten, da fragte Nicola einen Koch, ob er Christoph Schlingensief kenne und der nickte nur und führte uns durch den Hintereingang der Küche zu den Chancisten. Die saßen da schon ein, zwei Stunden und beratschlagten das Scheitern. Wir Hessen wollten von Konkurs nix wissen und ließen alle wissen, wir würden weiter machen, auch wenn die Berliner aufgeben: Scheiß auf das Scheitern. Also:

SAVE OUR PARTY hieß nun die Devise und Christoph eröffnete den Thinktank im Internet, das NETZ der Partei. Rainald Goetz kam vorbei geradelt und wir redeten uns beim Mexikaner die Köpfe blutig. Wir kamen darin überein: „Über Geld redet man nicht, Geld hat man nicht“ und Rainald schlug vor, die Wahlkampftour dazu zu nutzen, Stimmen zu sammeln, Geschichten und Gesichter von echten Menschen. Nicola und ich übernachteten bei Christoph und Nina und die beiden Frauen beobachteten besorgt, wie sich Christoph und ich sogleich wieder druffschickten und neue Pläne schmiedeten. Der Thinktank sollte das virtuelle Hirn der Partei werden, die kollektive Intelligenz der Intellektuellen, etc. pp. Am nächsten Tag -es war Nicolas Geburtstag- flogen wir zurück -verpaßten wieder beinahe den Flieger- und bereiteten uns mit der Partei auf Bertolt Brechts Geburtstagsparty vor.

BIG BRECHTS BIRTHDAY PARTY

1998 haben wir Brecht 100 hinter uns gebracht: wie nun weiter in die nächsten 900 Jahre Brecht 1000: Brechts Werk war der Abgesang des Jahrtausends, war Christoph Schlingensief der Brechtbarde vorm Herrn oder ist der Herr Brecht wiedergeboren worden?

Brechtbeatz: BB’s Wiedergeburt in FFM.

Freude! Freunde! Freude!

Nicola: Hier in Frankfurt ging das Parteileben weiter. Wir arbeiteten an dem „Brecht100 – Chance2000“ – Abend, welcher ein rauschender Erfolg wurde: „Die einzige freiwillige Brecht-Veranstaltung zu Bertolts Geburtstag!“ (Hegemann) Von Brechts Theorien zum Theater zu Chance 2000, von Chance 2000 zu Fatzer, Brechts bedeutendstem Fragment, von Fatzer zur Parteihymne, von der Parteihymne zur Maßnahme. Brecht hatte für uns Frankfurter unheimlich viel mit Chance zu tun und Chance unheimlich viel mit Brecht. Die Theaterrepublik spielte verrückt zu seinem 100. Geburtstag, auch im TFM-Institut wurde ein Heiligenbild von Berti aufgehängt und wir wollten schließlich und einfach seinen Geburtstag feiern. Happy Birthday, Bertie! Wir hatten wunderbare Räume für die Feier gefunden, ein kleines, aber feines Theater mit Wohnzimmerambiente und schickten Einladungen an all unsere FREUNDE. The flying circus of Bertolt Brecht. Ein großes Spiel- und Stilmittel waren die gebastelten Plakate auf denen Epigramme standen wie:

„Brecht bis ihr kotzt!“

„Keuner hat mich lieb.“

„Ich bin eine Installation.“

„Ich bin nicht bei Chance 2000“

„Mußte das jetzt sein?“

Es wurde viel gemeinsam gesungen und die 4. Wand nachhaltig eingerissen. Alex: Der Brecht-Abend war Nikis Baby. In meinen Augen sind sie und ihre Kommiekids-Freundinnen die wahren Brecht Erben. Wir wollten Brecht samplen und die Erben enterben- „Brecht dem Volke zurück geben!„- und zwar jedem V. Das Volk ist nämlich -laut Brecht- nicht tümlich. „Mehr Brecht essen!„: ein riesiger Brecht-Mann aus Eßbarem lag auf dem Tisch für das Publikum, den es sich einverleibte und sich dabei Brechts Verhör vor dem Ausschuß für undeutsche Umtrieben vorlas. Denn in diesem Dokument steckt die Ankündigung seiner Rückkehr. (Brecht verspricht sich vor Aufregung und Angst am Anfang des Verhörs, als er nach seinem Geburtsdatum gefragt wird und sagt: 1998. HA!) Ich glaube daran! Ich glaube, daß die hessischen Chancisten in dieser Nacht zu einer Schwarzen Sekte wurde, die die Wiederkehr des Großen B.B. heraufbeschworen hat. Chance 2000 war eine MASSNAHME, wir Brechtenkelkinder der Junge Genosse, der hilft vor den Gewehrläufen der Unternehmen das NETZ der Partei zu knüpfen.

WER IST DIE PARTEI?: Du und Du und ich.

Trenne dich nicht von uns:

„Der Einzelne sieht Eine Stadt/ Die Partei sieht 7 Staaten!!!“

KOHL KINKEL & Co.: K.O.

An einem Tage verabschiedeten wir dann Kohl & Kinkel. Am Morgen Kinkel, wieder in der Paulskirche und am abend Kohl der auf dem Römerberg. Kinkel sprach vor 2.000 sog. deutschen Jungunternehmern in der Paulskirche und wir waren als Pausenclowns vorgesehen. Wir: das waren Nicola und ich und Hans-Jürgen und der Chance-Chansonier Peter Prahl zusammen mit Wiens Ludwig Wüst, der mit Nicola gerade „Fräulein Julie“ probte. Dieser Nitschianer hat sich, während wir Chancisten alle von „Christus Schlingensief“ im Wolfgangssee einer Massentaufe unterzogen wurden, eine Woche lang in Prinzendorf kreuzigen lassen mit stinkenden Eingewäden auf dem Kopf als Darmkrone. Als wir ihm vorschlugen, für Helmut Kohl eine Sau auszuweiden, war instantan Feuer & Flamme und engagierte uns für die Paulskirche. Nicola dazu: Ludwig, ein uns zugelaufener Regiesseur, wollte für Chance 2000 eine Sau ausweiden und sich nackt in dieser vergraben nach dem Motto: „Wir graben nach dem Saumagen von Dr. Helmut Kohl„. Wir beschränkten uns dann aber auf einen Saumagen ohne Sau, den wir als Chance Team Dr. Helmut Kohl auf seiner Wahlkampfveranstaltung überreichen wollten. Nur unser Freund Freund Freund und Helfer die Polizei entpuppte sich als Chance-Feind und ließen mit ihren Transparenten nur die Junge Union auf den Vorplatz vor Kohl. Auch die Passanten und Anwohner wollten unseren frischen Saumagen nicht haben, ihnen gefiel auch die Chance-Hymne nicht und sie schütteten uns Wasser über den Kopf. So wars, so weit Nicola. Weiter im alextext:

Die Grundidee war ganz simpel die, zu überprüfen, ob der Herr Dr. Helmut Kohl nun wirklich tot sei oder doch noch nicht. Wenn er noch wirklich leben sollte und kein Kohl-Clon wäre, dann würde er den Saumagen riechen und reagieren. Also wollten wir ihm – als seine Kinder- den Saumagen zu Füßen legen und wenn er reagieren sollte, dann wollten wir ihm die Füße küssen, denn wir wollten ja gar nicht, daß er tot ist. Und Wüst wollte sich nackt in die Sau wühlen und den Magen rauswinden. Dabei -wünschte er sich- sollten ihn möglichst noch zwei Damen mit warmer Blutbrühe übergießen. Mir war das dabei egal, ob Nitsch nun ein Kunst-Reaktionär ist oder nicht, ich wollte die Aktion! Also wurde flugs Herbert Rusche angerufen, damit er ein Fax an das Ordnungsamt schicke. Natürlich wollten wir den Rest der Sau dann auch braten und in einer Art Volxfest oder Vokü ans Volk verfüttern: „Mehr Kohl essen.“ Das Ordnungsamt fand die Aktion gar nicht so komisch wie wir und Herbert berichtet uns höchst amüsiert von der überschäumenden Wut der Amtsschimmel, denen die Rosse durchgingen bei der Vorstellung, ein Paar Kultur-Terroristen wollten das Puddingattentat der Kommune 1 durch ein Gedärm-Anschlag toppen.

Am Morgen also nahmen wir Abschied von Dr. Klaus Kinkel und mit ihm von der ganzen KKK-Bande: Kohl Kinkel Kanther & Co. Unser Barde sang ihm einen schnulzigen Schlager-Hit: „Bei Dir war es immer so wunderschön und es fällt mir unsagbar schwer zu gehen…“ und wedelte sentimental mit seinem güldenen Schal und winkte wehmütig mit Schwarzrotgold. Dann trat ich im Anzug und mit Hans-Jürgen im Blaumann im Rücken an das urdemokratische Podium und predigte den Kapitalisten Menschlichkeit (mit dem Brief von Dr. Carl Hegemann, der schon auf der CDU-Wirtschafts-ZK-Sitzung so begeistert aufgenommen wurde), während Nicola als Putze der Demokratie den Staub der Geschichte aus der Paulskirche fegte unter den Füßen der sitzenden Herren und Damen, gefolgt von einem aufgeregten Peter Prahl, der mit Eifer und seinem Goldschal die Schuhe der Herrschaften putzte, besonders die verschlammten Treter des Herrn Außenministers (wofür der auch ganz dankbar war). „Helfen helfen helfen – handeln handeln handeln !!!„, schrie Hans-Jürgen durchs Megaphon und stürtze sich dann vom Podium, um Herrn Kinkel von seinen Erfahrungen als Maschinenbaumeister und seinen Steuerreformplänen zu erzählen. Dem Veranstalter -einem Großmetzgereibesitzer, den ich eigentlich nochmal wegen der Sau für den Kanzler anhauen wollte- war das dann doch peinlich peinlich, während das Publikum und Kinkel himself begeistert war von den philosophisch- philantropischen Propagandaphrasen. Am Ende wollen sich alle fur das Gute entscheiden.

Am Abend zogen wir dann wieder als Putz-Kolonne mit Kadaver los, wurden aber sogleich von der Polizei abgefangen und mußten erstmal den Römerberg räumen, um nicht gleich eingefahren zu werden. Am verabredeten Ort trafen wir dann ein hr-Team und unseren eigenen Kameramann und gemeinsam zogen wir wieder zurück auf den Platz, beschirmt und beschützt von den Augen Kameras und der virtuellen Anwesenheit der Öffentlichkeit. Doch auf den Vorplatz gelangten wir nicht auf friedliche Art und Weise und überlegten, ob sich ein Sturmangriff über die Barrikaden der Polizei lohnen würde. Da Helmut Kohl noch nicht da war, entschieden wir uns dagegen und mischten uns unter das übrige ausgeschlossenen Gesindel, APPDler, Arbeitslosenaktivisten und Protestpublikum. Außerdem waren wir gegen Gewalt, obwohl das nicht immer easy war.  Wir freuten uns auf Papa Kohl und bereiteten ein begeistertes Begrüßungsgeschrei vor, als eine dicke dunkle Gestalt das Podium betrat. Doch da trat die OB Roth ans Mikrophon und begann zu brüllen: „HELMUT! HELMUT!“ Durchs MEGA starteten wir den Gegenterror, vor allem unsere besoffenen Freunde, die sich in unseren Talisman, ein Papmache-Sau verliebt hatten und sie in die Höhe haltend brüllten: „Schlachtet die Sau! Schlachtet die Sau!“ Wir schwangen den Saumagen und brüllten mit dem Putzwedel wedelnd: „Petra, geh putzen!“ Da ergoß sich ein Schwall kaltes Wasser über uns aus einem Fenster und ich durfte nicht mal den Saumagen in die Wohnung schleudern vor lauter Gewaltlosigkeit. Dafür schaltete sich die Polizei ein und beschimpfte die Aktivbürger, die uns naß gemacht hatten. Christoph, dem ich den ganzen Tag wieder und wieder live von Communicator zu Communicator berichtete, brüllte nur noch:“Alex! Du bist ein Gewinnertyp!“ Alles in allem war ich dann am End doch traurig, nicht verhaftet worden zu sein und fühlte mich gescheitert. Außerdem hatte sich Helmut Kohl als Boris Jelzin entpuppt, also als einen Untoten und das wars- gruselig.

WAHLKAMPFSHOW

Neben Kohl gab es noch eine andere, weitaus wichtigere Wahlkampfaktion, schreibt Niki: Christoph Schlingensief kam mit seinem Team in den Mouson-Turm und wir Frankfurter Chancisten durften mit auf die Bühne. Dort erlaubte uns Christoph mit Stühlen zweimal über die Bühne zu laufen und den Sitzplatz zu wechseln. Es war ein unschlagbares Erlebnis. Als Christoph merkte, daß im Publikum viele begeisterte Fans von uns saßen, verließ er die Bühne und überließ uns die Show. Hans-Jürgen Wacker, unsere wichtigster Mann, ging ans Mikro und Alex trug ihn von der Bühne, als alle Leute weg waren. Das Publikum war begeistert von unserem Direktkandidaten und fand die 25 DM Eintritt dafür hätten sich wirklich gelohnt. Als weitere Einlage des hessischen LV’s gab es die „Initiative Christusfinale“: Nicolas Regiesseur, der Nitscheaner Ludwig, schleppte sich nackt am Kreuz durch den Theaterraum und ließ sich von zwei weißen Damen, die eine vermummt, die andere ein blutiges Tuch fressend vorführen, während ein Römersöldner ihn auspeitschte. JESUS 2000. Ich trat ans Mikrophon und wußte nicht, was ich sagen solle. 1000 Spickzettelchen lagen vor mir ausgebreitet. Da erblickte ich in der ersten Reihe einen alten Greis und gerührt forderte ich Gerechtigkeit zwischen den Generationen. Denn der Generationenkonflikt hat den Klassenkampf abgelöst und es droht: der Gerontozid. Die Rechte der zukünftigen Generationen müssen verteidigt werden, wir brauchen einen Friedensvertrag mit den Geronten. Im Insgeheimen hatten wir schon Koalitionverhandlung mit den Grauen Panthern aufgenommen und Trude Unruh, dieser „unwürdigen Greisin“ im Sinne von Bert Brecht. (Darauf verpflichtet uns schon das Chance-Poster aus unseren Faltblättern.) Wir stellten uns vor, mit dem Altersheim einen Tee- und Tanzabend zu veranstalten. Unser Plattenspieler Guisbert Grottke versprach uns, mit seinem Neo-Swing die Greise genauso zum Grooven zu bringen wie die Chancisten des Clubs der Letzten Chance. Auf die Bühne stürtzte die Brecht-Band und wir rissen die 4. Wand ein und begannen das Theater zu rocken. Doch die Party floppten, das Publikum wollte sich nicht so billig beschwichtigen lassen, nachdem sie von uns so ausgiebig beschimpft worden waren. Christoph und seine Crew waren längst verschwunden, Hans-Jürgen hielt noch eine ausführliche Rede durchs Megaphon und aus dem Publikum meldeten sich die Stimmen derer, die sonst schweigen: die zahlenden Gäste. Es war toll, ich kassierte wieder einen mir entgegengeschleuderten Mittelfinger und ich freute mich, wie sehr sich die Leute alle selber wählten und wie viele Stimmen wir wieder gesammelt hatten.

MACHTÜBERTRAGUNG

Freunde, Freunde. Nach dem hyperhektischen Wahlkampf war es mit der Freundlichkeit aus. Chance hatte seinen Charme verloren und bald alle Chancisten. Chance Knüppel, Lars, Miriam, Silke, Matthias II, Rachel, Till, Bernd, Alex II, Susanne, Sabine, … Als ich dann zu Schlinges Schäuble gekürt wurde, dem nachfolgenden Bundes-V, freute sich darüber nur Hans-Jürgen, der jetzt einen direkten Draht zum obersten Chef hätte. „Doris- heute bin ich Bundeskanzler“, freute sich auf der BILD-Headline der neue Kanzler, meine Freundin Nicola freute sich gar nicht und ging mit Rebekka erstmal in Puchers „Flashback„-Produktion in der Volksbühne (Puchers „Bodycheck“ war im TAT genau so brutal gescheitert wie wir im Wahlkampf.) Ich wollte mich nun wirklich haftbar werden und zusammen mit den anderen Chancisten-FUNdamentalisten die Schulden 2000 der Schlingensief-Partei übernahmen. (…) Als echte Obdachlose können wir uns dann vor der Volksbühne rumlungern oder in der Innenstadt eine „Hast’e-ma‘-’ne-MA’CK!„-Kunstdemo machen. Und bei den „Ratten“ mitspielen, das ist wenigstens echtes Arbeitslosentheater. Schlingensief himself ist vom Staatsmann zum Pornoproduzenten geworden („7x“) was ja auch politisch sein kann (s. Larry Flint’s Clinton-Campagne), aber auf APPD-Niveau: PorNO-POP. Den Chancestaat jedenfalls sucht man umsonst auf den neuen Karten für das nächste Jahrtausend. Schlingensief und die Volksbühne repräsentieren das „Neue Berlin“ und mit seinem Schröder-Stück über die „Berliner Republik“ nimmt er Abschied von der „Neuen Mitte“.

CHANCE UNTERGRUND

Für die Mehrheit der Chancisten war das Scheitern am Ende keine Chance. Was verwundert. Die meisten Chancisten-Aktivisten waren wohl so druffgeschickt, daß sie an ihre Chance geglaubt haben. Zumindest daß Schlingensief in Berlin Mitte eine reelle Chance hätte als Direktkandidat. Postwurfsendungen wurden noch rausgehauen, es wurde wild plakatiert, etc. Viele anderen dachten dagegen, wir hätten gerade deswegen dann doch ganz generell kurz vor der Wahl alle Fühler strecken müssen. (Um nicht am End in die Verlegenheit zu kommen, durch diese Faxen die Realpolitik zu verändern, z.B. in Berlin Mitte der PDS ein wichtiges Direktmandat zu kosten.) Das aber sind dieselben Leute, die immer sagten, Chance 2000 hätte nie Bundespartei werden dürfen, sondern hätte bei dem Original-Ding der Direktkandidaturen bleiben sollen. Die Quittung für die Hybris 2000 sei die Unsichtbarkeit am Wahlabend gewesen. Unter Ferner liefen: „Andere“. Dabei sind wir doch genau das:die „Anderen“. Wir sind die 0,1%ers, eine kleine fundamentalistische Minderheit, die den „Mainstream der Minderheiten“ repräsentiert: den postdemokratischen Diskurs aller Anderen. „Neue Minderheiten nur mit uns.“

Doch mit Schröder/Fischer trat die Politik in das Zeitalter des Wassermanns ein und die Wucht des Wechsels hat System 1 über uns triumphieren lassen: die ersten 100 Tage rockte die Party, egal was die Medien von Fehlstart geschrieben haben… Doch irgendwie dachten wir Hessen, daß die Hessenwahl noch wichtig werden würde. Und so setzte sich der neue Frankfurter Bundesvorstand -Alex, Matthias und Herbert- zusammen und den ersten Rundbrief auf. Wir sahen uns ähnlich, wie sich die neue Bundesregierung in ihrer ersten Regierungserklärung sieht: als „modernes Chancenmanagement“. Herbert Rusche, der als Geschäftsführer der Grünen in den 80ern erfolgreich die Landtagswahl gemanaget hatte, gab der ganzen Konkursmasse von Chance 2000 erstmal eine Form und bereitete die Hessenwahl vor. Wir luden ein zum „Großhessischen Parteitag“. Zwei Direktdemokraten hatten wir schon: Hans-Jürgen Chance Wacker Mai und Norbert als Chance Zukunft. Doch für den LV war das Ergebnis schockierend:

„Schangse Zwotausend geht in den Untergrund“.

THEATERTERROR 2000

Der autonome Theateruntergrund versammelt den mystischen Chor der Verdammten, Verrückten und Verstossenen. Das Theater Battle Management verbreitet Subpropaganda, theatralische Revolutionäre proben den Aufstand so radikal und real wie die zeitgenössische russische Avantgarde RADEK „Gegen Alle Parteien„: „Berliner Communarden zerschießen Uhren“, wäre eine radikale Tat oder „Frankfurter Zeitguerillo stoppte Euro-Uhr“, das hätte passieren sollen. Doch der neue Frankfurter Bundesvorstand ist ja dafür: Chance Euro! In der Sylvesternacht stand ein großes kleines e am Messeturm (wo sonst) und das hieß auch nicht „ecstasy„, obwohl ich das in der Sylvesternacht den Druffis immer wieder erzählt habe: e is easy. Dafür stand direkt dahinter auf dem „Marriott“-Hotel fett rot „RIOT„. Das war die rave-o-lutionäre Message: das e und der Riot – Plündern auf Pille: RAVE-O-LUTION in 1999! Und so kehrten wir zurück in den Party-Untergrund, um bei der 98er nacht.tanz.demo „emissionen’98“ mitzumachen. Nach dem Wechsel machte das natürlich umso mehr Spaß, da die Love-Parade ja bekanntlich der „Triumphmarsch für Helmut Kohl“ gewesen sei. Da konnte man als Frankfurter techno-druffi also nochmals auftrumpfen, nachdem kurz zuvor das legendäre OMEN dann doch für immer seine Pforten geschlossen hatte. Wir checkten uns den kaputtesten Wagen von allen, einen alten Traktor, den wir uns mit DJonny DJungle teilten, der seinen PDS-Vater Kohle abgeschwätzt hatte. Wir verwandelten dafür den Wagen in Kunst mit Transpis „Partysanen der Stadt“ und blauen Fahnen: „Freie Druffe Jugend„, ich hüllte mich in die Thälmann-Fahne und zog sie als Cape hinter mir her als Tele-Man. Nicola und Rebekka hatten schwarze Mäntel an und techno-Brillen auf und schossen mit Laserpistolen auf die Menge, während sie Marx und Mao-Ikonen hochhielten. DJ SU legte Brecht-Beatz auf: „DJ Sowjet-Union“. So drufften wir rum und MC’ten auf dem Klapperwagen und dann rannten wir mit einem DDR- Grenzschild durch die Menge:

„HALT! Diese Veranstaltung überschreitet die Staatsgrenze.“

Hans-Jürgen war wieder in Blaumann dabei und redete wieder mit der Polizei, hielt ab und zu eine Rede, während ein paar besoffene Linksradikale mir mit „Chance Stalin“ zuprosteten und Wodka verschenkten und ich Karl Marx als Prophet des Wassermann-Zeitalters bezeichnete. MARX DEUTSCHLAND. Wir hatten 100 Tage Spaß, 100 Tage Untergrund. Dann kam alles anders.

http://www.schlingensief.com/projekt.php?id=t014

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