Mein ideales Theater

Im idealen Staat sollte bekanntlich kein Theater mehr stattfinden. Gilt das auch umgekehrt? Oder ist das nur ein Traum von marktradikalen Neoliberalen? Das Theater meiner Träume sieht dem abgerissenen Palast der Republik verdammt ähnlich, allerdings ist er nun zweigeteilt: Der eine Flügel ist überflutet, aus dem Wasser ragt eine Bergspitze, Besucher rudern in Booten herum, in allen Ritzen finden Performances statt. Im anderen Teil befindet sich die größte, modernste Bühne des ganzen Landes. Durch Geheimgänge sind beide Hälften miteinander verbunden. Es ist gang und gäbe, dass ein Spieler von der Bühne abtritt, nur um wenig später auf der andren Seite wieder aufzutauchen (und umgekehrt). In den Niederlanden gibt es dafür ein gutes Wort: doorstromen (durchströmen). Anstelle unseres dualen Theatersystems (Stadttheater vs. Freie Szene) gibt es dort ein Kontinuum vom kleinen Productiehuis zur prächtigen Stadsschouwburg. Diese Diversifikation begann 1969 mit einer revolutionären Kulturreform: Schauspielschüler warfen im Theater mit Tomaten (Actie Tomaat) und haben so eine Neuausrichtung der staatlichen Vergabepolitik bewirkt. Gefördert wurden seitdem nicht nur Institutionen, sondern auch Künstler, besonders Kollektive und Autoren. Heute sind die besten Spieler sowohl Teil einer Gruppe, als auch gern gesehene Gäste an großen Häusern, führen selbst Regie und schreiben eigne Texte. Das ist die Freiheit, die ich meine, wenn ich vom Freien Theater spreche: Autonomie als Normalzustand. Warum sollen heute alle Menschen Künstler sein – außer im deutschen Theater? Ich träume von einem „Künstlertheater“, das seinem Namen gerecht würde. Doch dazu müsste es seine hierarchische Funktionsfixierung überwinden. Die gern geschmähten projektbasierten Produktionsweisen der Freien Szene beweisen, dass Arbeitsteilung nicht nur Separation einzelner Bereichen, sondern ebenso Partizipation am Prozess bedeuten kann. Einführung flacher Hierarchien, Teambildung, Mitarbeiterbeteiligung (Gewerke, Verwaltung) – warum klingt man als Kritiker starrer Stadttheaterstrukturen immer wie ein Unternehmensberater? Weil die Kulturrevolution von ’68, die zu diesem „Kapitalismus mit menschlichen Antlitz“ (dem sog. Postfordismus) geführt hat, im deutschen Theater gar nicht stattgefunden hat? Der lange Marsch führte nicht durch, sondern lediglich in die Institution hinein. Dort gab es nur „Erneuerungen“, wo „Neuerungen“ nötig gewesen wären, wie Bert Old Brecht es nannte. Dabei hätten die Theater viel von den „Theaterchen“ lernen können, jenen „wendigen kleinen Formen“ aus der Kampfzeit, an die BB kurz vor seinem Tod erinnert hat. Listig stachelte er die Spieler auf, eine Gruppe gegen den Intendanten zu gründen und sich mit den Schreibern zu verbünden. Er hat Vorschläge gemacht, wir könnten sie endlich annehmen: evolutionäre Zellen, die von beiden Seiten an einer Großen Transformation arbeiten, die nicht nur das Theater grundlegend verändern würde. Statt sich nostalgischem Antikapitalismus zu überlassen, dem Rausch der Entschleunigung, die objektive Entwicklung forcieren und über sich selbst hinaustreiben: #Akzelerationismus gegen die Post-Schlingensief-Depression! Hatte sich doch Schlingensief selbst als Intendanten fürs Deutsche Theater ins Spiel gebracht mit dem Aufruf: „Lasst uns diese neue Factory bauen!“ Im globalen Zeitalter von creative cities und industries, in denen immaterielle die materielle Produktion verdrängt wie einst Industrie die Landwirtschaft, Fabriken sich in Gas auflösen und ganze Städte in ’soziale Fabriken‘ verwandeln, könnte das Stadttheater genau darin seine Bestimmung finden: Ist es doch der ideale Ort, an dem sich diese ‚immaterielle Arbeit‘ materialisieren könnte. Statt der guten alten Zeit des Nachkriegsfordismus nachzutrauern, stellt sich die Frage nach einer ‚Perestroika des Postfordismus‘: ein New Deal zwischen den freigesetzten kreativen Kräften und dem Staat, der alle zu „Künstlern“ erklärt, denen er die Rente gestrichen hat. Das Theater könnte diese Kräfte (das kreative Prekariat) bündeln. Statt den Betrieb zu verschlanken, müsste man ihn massiv ausbauen – vom outsourcen zum insourcen: Performer ins Ensemble, Schauspieler in freie Gruppen und die Wissensarbeiter (das ‚Kognitariat‘) in die Dramaturgie; das Repertoire erweitern um experimentelle Stückentwicklungen, die Gewerke vervielfachen durch Assoziierung freier Ateliers und Bildende Künstler, die den Betriebsablauf produktiv stören, Architekten, die Bühnenbilder in Stadtplanung verwandeln usw. Und so findet das Theater doch noch seinen Staat: Der Rat der Ex-Dramaturgen („Wir sind die Avantgarde der immateriellen Arbeit!“) legt mit dem Rat der Ex-Schauspieler („Und wir geben ihr einen Körper!“) in der Berliner Schlossbaustelle den Grundstein für den prachtvollsten PALAST DER BÜHNENREPUBLIK DEUTSCHLAND. Ein Theater, das jeden gebrauchen kann: ein Transnationaltheater, das uns hilft, alte Hüllen abzustreifen, neue Formen anzunehmen und uns der Welt zu öffnen: ALL THE WORLD…

geschrieben für das Jahrbuch von Theater Heute 2014: „Reale Utopien“

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