WORLD FREUD CENTER

THE WORLD IS NOT FREUD!

„Trotz allen protzenhaften Gebaren, womit teutonischer Dünkel die Reichshauptstadt als urprüngliche Leuchte der Zivilisation aufzuspielen versucht, hat es Berlin noch zu keiner Weltaustellung gebracht. Es ist eine leere Ausflucht, wenn die blamable Thatsache damit beschönigt werden soll, daß die Weltausstellungen sich überlebt hätten, daß sie nichts als bunte Welt-Jahrmärkte der Eitelkeit seien und was der Trostgründe mehr sind. Wir haben keinen Grund, die Schattenseiten zu bestreiten, welche die Weltausstellungen besitzen …: immer aber sind sie ungleich mächtigere Hebel menschlicher Kultur, als die unzähligen Kasernen und Kirchen, mit denen Berlin unter Aufwand der ungeheuerlichsten Geldmittel überschwemmt wird.“

(aus: Klassenkämpfe Die neue Zeit Stuttgart 1894, zitiert von Walter Benjamin im Passagen-Werk)

Zwei Jahre später, 1896, hatte Berlin seine erste Weltausstellung, auch wenn es nur eine „Gewerbeausstellung“ war. (Der Kaiser war zu geizig.) Es war dasselbe Jahr, in dem Sigmund Freud in Wien das Wort PSYCHOANALYSE erfand. Zufall? Die Psychoanalyse lehrt, dass es keine Zufälle gibt. Vor genau hundert Jahren wurde die psychoanalytische Zeitschrift IMAGO gegründet: Auch das ist kein Zufall. Auch nicht, dass Freud im selben Jahr ‚Totem & Tabu‘ über „einige Gemeinsamkeiten im Seelenleben der Wolden und Neurotiker“ schrieb. Er selbst hat sich eine „Konquistadoren-Mentalität“ attestiert: Entdecker und Eroberer eines „dark continent“ zu sein. Zu einer Bewunderin sagte er: „Ich habe eine hohe Meinung von meinen Entdeckungen, nicht von mir selbst. Die großen Entdecker haben nicht immer einen scharfen Verstand. Wer hat die Welt mehr verändert als Columbus. Und was war er? Ein Abenteurer.“ Wie Columbus hat er nur die Küste des neuen Kontinents betreten, es folgten andere, um die Neue Welt in Besitz zu nehmen. Zu diesen Pionieren gehörten auch die Künstler des Surrealismus. Ihr Chefideologe André Breton schrieb im Ersten Surrealistischen Manifest: „Columbus musste mit Verrückten ausfahren, um Amerika zu entdecken. Und seht nur, wie diese Verrücktheit Gestalt angenommen hat – und Dauer.“ Freud hielt die Begeisterung der künstlerischen Avantgarde für seine Entdeckung des Unbewußten im besten Falle für ein produktives Mißverständnis – der einzige Künstler, der ihn für sich gewinnen konnte war ausgerechnet Salvador Dalí, der ihn 1938 im Londoner Exil aufsuchte. An Stefan Zweig, der die Begegnung vermittelt hatte, schrieb Freud danach:

„Wirklich, ich darf Ihnen für die Fügung danken, die die gestrigen Besucher zu mir gebracht hat. Denn bis dahin war ich geneigt, die Surrealisten, die mich scheinbar zum Schutzpatron gewählt haben, für absolute (sagen wir zu fünfundneunzig Prozent wie beim Alkohol) Narren zu halten. Der junge Spanier mit seinen treuherzig-fanatischen Augen und seiner unleugbar technischen Meisterschaft hat mir eine andere Einschätzung nahegelegt.“

Dalí war in jener Zeit schon längst aus der surrealistischen Bewegung ausgeschlossen worden. Breton hatte ihn mit einem Anagramm auf seinen Namen verspottet als AVIDA DOLLAR. Dalí hat diesen Namen ohne zu zögern angenommen und sogar damit Bilder unterschrieben, eines nannte er daraufhin „Apotheose des Dollars“. Das war den politischen Überzeugungen der meisten Surrealisten zuwider, die im Ersten Manifest verkündet hatten:

„Die Zeit wird kommen, da es das Ende des Geldes dekretieren wird und allen das Brot des Himmels bricht. Es wird Versammlungen auf öffentlichen Plätzen geben und Bewegungen, an denen teilzunehmen ihr nicht zu hoffen gewagt habt.“

Mag sein, dass diese Zeit nun gekommen ist. Seit dem Ausbruch der Finanzkrise 2007/08, besonders seit Verschärfung der Krise in Europa als Schuldenkrise seit 2010 werden die Stimmen lauter, die ein Ende der Herrschaft des Geldes als „allgemeinem Äquivalent“ (Marx) für möglich halten: „Zukünftige Generationen“, vermuten die Brüder Heidenreich (‚Mehr Geld‘) „werden vielleicht auf unsre Geldwirtschaft blicken wie wir auf die Sklaverei.“

1900, im selben Jahr, in dem Freuds epochemachendes Werk ‚Die Traumdeutung‘ erschien, veröffentlichte Georg Simmel in Berlin seine ‚Philosophie des Geldes‘ (die zuerst ‚Psychologie des Geldes‘ heißen sollte). Beide Denker haben nicht viel Notiz voneinander genommen. In ihrem neuesten Buch ‚Der Preis des Geldes‘, dem diese Performance viel verdankt, fragt die Berliner Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun, ob das Geld ein Unbewußtes habe. „Natürlich nicht“, schreibt sie. „Aber das Geld ‚prägt‘ das Unbewußte, so wie ein Münze geprägt wird.“ Um 1900 habe sich allgemein die Erkenntnis durchgesetzt, dass „das Ich nicht Herr im Hause sei“. Schlagartig verschwand das Phänomen der Hysterie. Nur die Ökonomie verschloss sich dieser Einsicht. Vielmehr kam es zu einem „Börsengang der Hysterie“. Und hinter der Börse, so v. Braun, tauchte Freuds Bild wieder auf vom „dunklen Kontinent“…

Es ist also an der Zeit, sich über die Prägung des Unbewußten bewußt zu werden: Unser Ubw, dieses „innere Afrika“, ist ebenso kolonisiert worden wie die Neue Welt. Während Freud in ‚Totem & Tabu‘ einige Gemeinsamkeiten glaubt ausmachen zu können zwischen dem „Seelenleben der Wilden und der Neurotiker“, müssen wir heute davon ausgehen, dass wir kapitalistischen Wilden uns nur retten können, wenn wir mit einem tiefsitzendes Tabu brechen. Dieses letzte, tiefsitzende Tabu ist die Herrschaft des abstrakten Wertes, der abstrakten Arbeit. Für diese Therapie lohnt es sich, aufzustehen und die Couch zu verlassen, um an den Schausplatz des Traumas zurückzukehren. Deswegen ist das WORLD FREUD CENTER bei der Großen Weltausstellung 2012 dabei – waren doch Weltausstellungen, wie Walter Benjamin schrieb, „Wallfahrten zum Fetisch der Ware“. Es ist kein Zufall, dass Messen sowohl Ausstellungen von Waren als auch Gottesdienst bedeuten; fanden doch oftmals Märkte nach Gottesdiensten unter der Schirmherrschaft der Kirche statt. Viele bedeutende Handelsstädte waren zunächst Pilgerstädte, die über besondere Reliquien verfügten. Vor diesem Hintergrund ist es nicht länger erstaunlich, dass Benjamin Kapitalismus als Religion betrachtet hat,

„d.h. der Kapitalismus dient essentiell der Befriedigung derselben Sorgen, Qualen, Unruhen, auf die ehemals die sogenannten Religionen Antworten gaben. (…) Der Kapitalismus ist eine reine Kultreligion, vielleicht die extremste, die es je gegeben hat. (…) Der Kapitalismus ist der erste Fall eines nicht entsühnenden, sondern verschuldenden Kultus. (…) Die Freudsche Theorie gehört auch zur Priesterherrschaft von diesem Kult. Sie ist ganz kapitalistisch gedacht. Das Verdrängte, die sündige Vorstellung, ist aus tiefster, noch zu durchleuchtender Analogie das Kapital, welches die Hölle des Unbewußten verzinst.“

Freud selbst hat Geld und Analerotik zusammengedacht, bzw. die Lust am Sparen mit der Lust, den Kot nicht auszuscheiden, mit Scheiße zu spielen: „Es ist bekannt, dass das Gold, welches der Teufel seinen Buhlen schenkt, sich nach seinem Weggehen in Dreck verwandelt, und der Teufel ist doch gewiß nichts anderes als die Personifikation des verdrängten, unbewußten Trieblebens.“ Stehen also die beiden parallelen Linien, die sowohl den Euro, als auch den Dollar, das Pfund und den Yen durchkreuzen für die Hörner des Teufels? Christina v. Braun hat darauf eine andere Antwort: ES symbolisiert die Hörner des Stieropfers – das englische Wort „capital“ kommt von „cattle“, Rinderherde (eine frühes Zahlungsmittel). Das, was in der Geldwirtschaft verdrängt wird, ist das Opfer, das ihm zu grunde liegt. Die ersten Banken waren Tempel, Geld ist eine Opferkult: „Damit man an Geld glaubt muss immer wieder jemand dran glauben.“ Was ist ES, was der Stier opfert, um zum Ochsen, zum Nutztier zu werden? Das ist ES, was wir in unserem „Geldsack“ mit uns herumtragen – ein symbolisches Opfer. (ES ist – glaubt man den Berichten vom spanischen Stierkampf – essbar.) ES – ist GELD!

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