CHANCE 2012

CHANCE 2012 – oder der Fluch von Fluxus

50 Jahre alt zu werden ist gefährlich: Vor zwei Jahren ist Christoph Schlingensief zwei Monate vor seinem fünfzigsten Geburtstag gestorben. Vielleicht der letzte große Fluxus-Künstler unsrer Zeit. Oder der erste. Wie eine katholische Messe hat er Fluxus in seiner Kirche der Angst vor dem Fremden in mir gefeiert und gerufen: „Alles ist Fluxus!“ Nun wird also Fluxus fünfzig. Geboren in einem Jahr, in dem Welt am Abgrund stand: 13 Tage hielt die Menschheit den Atem an, als sich während der Kuba-Krise die USA und die SU gegenseitig mit atomarer Vernichtung drohten. In Deutschland beschäftigte die SPIEGEL-Affäre die Öffentlichkeit. Zugleich wird Pop geboren: Am 11. September nehmen die Beatles Love Me Do auf, nachdem man ihnen zu Jahresanfang einen Plattenvertrag verweigert hatte. Die Rolling Stones haben ihren ersten Auftritt in einem Londoner Club. In Schwabingen kommt es zu Krawallen von sog. „Halbstarken“, unter ihnen Andreas Baader. In Oberhausen wird ein Manifest verlesen, in Wiesbaden Konzerte für neueste Musik gegeben: „Alles ist Fluxus!“ Das ist vielleicht wahrer als uns lieb sein kann. Jahrelang galt „Verflüssigung“ als Zauberwort. Gegen „Verkrustungen“. Starres Denken. Stures Beharren. In die Sprache von Unternehmensberatern übersetzt hieß das „Flexibilisierung“ und meinte die Auflösung fester Beschäftigungsverhältnissen. Was fließt, gleitet, ist die Zeit: die Arbeitszeit wird flüssig, die Grenze zur sog. Freizeit verschwimmt, alles wird Arbeit, sogar soziale Beziehungen. Keiner hat das besser verstanden als Schlingensief, der 1998 mit der Partei CHANCE 2000 – Partei der letzten Chance zur Bundestagswahl antrat mit dem Slogan „Wähle Dich selbst!“ Die Parole vom Herbst 1989 wurde individualisiert: „Du bist 1 V (ein Volk)“. Dahinter verbarg sich ein postneoliberales Selbstaktivierungsprogramm für Millionen Arbeitslosen. Kein Jahr später folgte das Schröder-Blair-Papier, die sog. Ich-AGs, kurz darauf die Agenda 2010 mit den Hartz-Gesetzen. Seitdem ist offensichtlich geworden: Arbeitslosigkeit ist unbezahlte Arbeit, Arbeit bezahlte Arbeitslosigkeit. Die Forderung, Arbeitslosigkeit als Beruf anzuerkennen war also ebenso radikal reformistisch wie der Aufruf an den Arbeitgeberverband: „Verschenkt Euer Geld und rettet so die Marktwirtschaft!“ Was damals naiv utopisch klang, ist heute die einzig vernünftige Realpolitik in der Schuldenkrise. Vom Paradigmenwechsel im postfordistischen Produktionsregime handeln auch die Stücke von René Pollesch: „Ich kann Euch nicht ficken, ihr seid kein Kollektiv, ihr seid ein Netzwerk.“ (Kill your darlings!) Ist doch networking das Gegenteil von not working: unbezahlte Arbeit, immaterielle Produktion, freiwillige Selbstkontrolle. Klingt nach Kunst: Performance des Selbstwiderspruchs. Aber vielleicht ist das Netzwerk heute das, was vor fünfzig Jahren Kunstwerk genannt wurde – und durch Kunst überwunden werden sollte. Und der Fluß, in den alles gerät, nicht der Fluß von Daten, sondern von Affekten, die überall zu kleinen Wirbeln führen, die einen Sturm auslösen, wenn sie aufeinanderprallen. Solche Wirbel entfachte CHANCE 2000. Schlingensief nannte sie „Rhizome“ (im Untergrund wuchernde Pilzgeflechte), sie bildeten „Inseln der Unordnung im Netz“ (nach Heiner Müller oder Hakim Bey) – und damit eine Vorform dessen, was sich heute als Piratenpartei anschickt, die GRÜNEN zu beerben. Viel ist dabei von CHANCE 2000 zu lernen, v.a. das eigne Verschwinden zu organisieren: Wir waren die 0,007%. „Scheitern als Chance“ lautete die Parole. „Fail again. Fail better.“, sagte Samuel Beckett. „Du hast keine Chance, also nutze sie!“ Herbert Achternbusch. „Der Held ist der, der immer eine letzte Chance sieht“ Emmanuel Levinas: „Er ist der Mensch, der sich darauf versteift, Chancen zu finden.“ Auch im Angesicht des Todes. „Alles ist Fluxus!“ ist ein Schlachtruf des Lebens gegen den Tod, ein Schrei. CHANCE 2012 heißt: Fürchtet Euch nicht. The beginning is near!

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