PARTEI DER LETZTEN CHANCE

Der Junge Genosse:

Wer aber ist die Partei?/Sitzt sie in einem Haus mit Telefonen?/ Sind ihre Gedanken geheim, ihre Entschlüsse unbekannt?/ Wer ist sie?

Die drei Agitatoren:

Wir sind sie./ Du und ich  und ihr – wir alle…

(Bertolt Brecht: Die Maßnahme)

AufkleberDie Geschichte von CHANCE 2000 ist schnell erzählt: Am Anfang stand der Zauber der Jahreszahlenfolge 68 – 89 – 98 als Formel für den Regierungswechsel, der die APO-Erlebnisgeneration in die Chefsessel beförderte, die ‚Ära Kohl’ und die Bonner Republik beendete und die sieben rot-grünen Jahre einläutete. Deutschland bekam eine neue Adresse, das wiedervereinigte Land zog um in die wiedervereinigte Stadt, in der sich der Staat neue Paläste gebaut hatte. Doch im Herzen der Bestie, mitten in Berlin, steht das Theater des Volkes: die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, gleich neben dem Karl-Liebknecht-Haus, in dem die LINKE (Partei des demokratischen Sozialismus) wohnt. Da, wo das neue Deutschland ankam – in MITTE – steht der Prater: am Prenzlberg. Dort eröffnete Christoph Schlingensief am 13.2.1998 den Wahlkampf im Zirkuszelt der Familie Sperlich mit dem Aufruf: WÄHLE DICH SELBST! Vor versammelten Publikum erklärte der Theater- und Filmemacher, dass jeder und jede ein Volk sei: 1 V. Der Countdown zu Regierungs- und Jahrtausend-wechsel stand im Zeichen der radikalen Zuspitzung des deutschen demokratischen Urgebrülls von „Wir sind das Volk!“ über „Wir sind ein Volk!“ (1989) zu „Wir sind jeder ein Volk!“ (1998): Du und du und ich… Die Botschaft von CHANCE 2000 – Partei der letzten Chance: Jede/r kann kandidieren! Das Motto: „Beweis, dass es Dich gibt! Wir wissen wie das geht.“[1] Und zwar so: Sammle 2000 Unterschriften. 2000 Wahlberichtigte aus einem Wahlbezirk müssen davon überzeugt werden, dass man nichts von ihnen will außer einer Unterschrift, etwa so: „Geben Sie mir nicht Ihre Stimme, geben Sie mir Ihre Unterschrift, damit ich mich selbst wählen kann!“ Überzeugt das 2000 Leute, die zwar wählen dürfen, sich aber nicht selbst wählen wollen oder schon jemand anderen unterstützen, ist man dabei und steht, zumindest in einem Wahlbezirk, auf dem Wahlzettel als „Chance Müller“ etc. So direkt kann parlamentarische Demokratie sein! Vorausgesetzt alle Beteiligten sind Wahlberichtigte, keine Kinder oder Ausländer, sondern mündige Inländer. Sobald das vom Wahlleiter amtlich festgestellt ist, gilt die Wette. Und dann heißt es: SCHEITERN ALS CHANCE! Frei nach Herbert Achternbusch: „Du hast keine Chance, also nutze sie!“[2] Dann ist man ein Held, nach Emmanuel Lévinas: „Der Held ist der, der immer eine letzte Chance sieht; er ist der Mensch, der sich darauf versteift, Chancen zu finden.“[3]

Das war schon alles: Ein Kurs in angewandter Staatsbürgerkunde, schön und schlicht wie die berühmte Tüte von Joseph Beuys gegen Parteienherrschaft für direkte Demokratie[4] (Organisation der Nichtwähler für freie Volksabstimmung, 1971). Oder doch eher ein DIY-Manual für die Mitglieder der liberal-kapitalistischen Gesellschaft nach dem Untergang des Kommunismus according to Achim von Paczensky alias Heiner Müller: „Die wahre Tragödie des Jahrhunderts ist das Scheitern des sozialistischen Experiments.“[5] Gegen Ende seines Lebens hat er begeistert postheroische Managementtheorie rezipiert[6]: CHANCE 2000 ist die einzige wahre Müller-Partei, das 1 V, das sich eigenverantwortlich engagiert, eine politische Ich-AG. Die Idee hinter dem Unwort des Jahres 2002 ist alt, neoliberale Ideol, die im Zuge des neokonservativen Rollbacks in den 1980ern propagiert wurde (Reagonomics & Thatcherism), bis es 1999 im Blair-Schröder-Papier wieder auftauchte. Der Durchlauferhitzer für den Abbruch des alten Klassenkompromisses namens Sozialstaat war die ‚kalifornische Ideologie’ (Agentur Bilwet), die Manie des heiß laufenden Dotcom-Kapitalismus, die Anfang der 1990er auf den Zusammenbruch der staatssozialistischen Regime folgte. Ihr manic preacher war Tom WOW-Effect Peters, der dem Dramaturgen Carl Hegemann die Parolen lieferte: „Alles aufgeben! Fehler machen! Scheitern ist Chance! Nicht Wandel, sondern Revolution! Nicht Revolution, sondern permanente Revolution! Verrückte Unternehmen für verrückte Zeiten!“[7] Der Appell ist nicht nur, etwas zu tun, sondern: Gutes zu tun: Handeln! Handeln! Handeln! Helfen! Helfen! Helfen! Das Modell war ein „postcaritatives Theater“[8], das Lied dazu lieferte Bert Old Brecht: „De-her Blick/ in das Gesicht/ eines Menschen/ dem ge-holfen ist/ ist der Blick in eine schöne Gegend/ Freund! Freund! Freund!“ Die Message lautete: „Rettet die Marktwirtschaft, verschenkt Euer Geld!“ Wir hatten uns also dieses Mal für das Gute entschieden. Das war nur konsequent, denn „nach dem Interesse für das Böse in den achtziger Jahren haben wir es heute mit dem Interesse am Scheitern zu tun: der gute Sozialismus machte zurecht Platz für den Kapitalismus des Scheiterns.“[9] Schon 1926 hatte Brecht sich über den Sozialismus notiert: „Es ist kein Glück, denn es fehlt die Chance und das Risiko. Chance und Risiko, das größte und sittlichste, was es gibt.“ Dass die ganze Spekulationsblase im April 2000 platzen musste war kein Scherz, sondern eine Maßnahme, um das allgemeine Tragödienbewusstsein zu erhöhen:

„UND VIELES/ WIE AUF DEN SCHULTERN EINE/LAST VON SCHEITERN IST/ ZU BEHALTEN…“ (Hölderlin)

Was also war CHANCE 2000? Ein Spektakel, das die Krise der Repräsentation enthüllte, in dem es konsequent die Ideologie des Individualismus in den demokratischen Wettbewerb einführte? Sicherlich, denn wenn alle sich selber wählen wollten, könnte keiner eine Unterschützungsunterschrift leisten. Wenn niemand seine Stimme abgibt, bricht das System der Stellvertretung in sich zusammen. Das war die Grundidee von CHANCE 2000 als „modernstem Netzwerk der Welt“, als Rhizom. Diese Aufgabe wurde von CHANCE 2000 e. V. garantiert – die ‚Partei der letzten Chance’ war als Referenzpartei eine Parodie auf Realpolitik: Spaltung und Wiedervereinigung innerhalb eines Monats usw. Dass irgendwann die Parole ausgegeben wurde: „Gründet zwei, drei, viele Landesverbände!“ hatte weniger damit zu tun, dass Schlingensief Udo Lindenbergs Phantasie der Bunten Republik Deutschland ausleben und Kanzler werden wollte, sondern mit einem magischen Wort, das die APPD (Anarchistische Pogo-Partei Deutschland) in die Runde geworfen hatte: Wahlkampfkostenrückerstattung. Let’s found a party – to have a party! Doch ist es der Versuch, Identität zwischen Regierenden und Regierten herzustellen, der zur Explosion führt. Das ist just der Moment, den Schlingensief im Theater immer gesucht hat: der Augenblick, in dem die ‚vierte Wand’ fällt. Die Sehnsucht nach der Emanzipation der Zuschauer vom Voyeur und Claqueur zum Akteur! Zu mitspielenden Zuschauern: spectactors. Die Dekonstruktion der Differenz von Saal und Bühne als Politisierung des Theaters gegen die Theatralisierung der Politik durch Spaßparteien wie die FDP. Damit das Spektakel stirbt und die Große Diskussion beginnen kann, die die Voraussetzung der Großen Produktion ist (Brecht). Solange die alte Arbeiterbewegung nicht von einer Arbeitslosenbewegung beerbt wird, die diesen Zusammenhang aufdeckt[10], so lange muss man versuchen, die Ferienhäuser der Mächtigen unter Wasser zu setzen. Kommen wir zum Ende: Der Showdown der Kampagne war das kollektive Bad im Wolfgangssee am 2.8.1998, St. Gilgen 16h, das hohe Wellen schlug: Ein geballter Schlag ins Wasser! Dass die Millionen Arbeitslosen lieber zu Hause blieben, statt sich einer Massentaufe zu unterziehen beweist nur ihre Autonomie, sagten wir. Dass das Sichtbarmachen der Unsichtbaren – Arbeitslosen, Behinderten, illegalen Migranten – nicht die Lösung der Probleme der parlamentarischen Demokratie ist, schien manifest geworden zu sein.[11] Doch die Formel, dass die Minderheiten zusammen die Mehrheit hätten ist auch nicht als Überschreitung des Proporz-Systems durch Übererfüllung zu verstehen, sondern im Sinne von Deleuze, der dem Sein der normsetzenden Majorität (weiße, erwachsene, urbane, christliche, heterosexuelle Männer), die in Wahrheit in der Minderheit ist, das Werden der Minoritäten gegenüberstellt (Frauen, Kinder, Migranten und alle anderen Anderen).[12] Am 27.9.1998, dem Tag des Wechsels, wurde um 17.58h auf der Bühne des Volkes das Übertragungskabel durchgehackt und wir sind dorthin aufgebrochen, wohin vor uns noch nie jemand gegangen ist: ins System II.[13] Etwas wird passieren – darin besteht laut Derrida die Chance: „Etwas bekäme endlich die Chance, zu geschehen oder stattzufinden, das ist alles. Es steht nicht fest, es ist nicht voraussagbar – es ist einfach besser, dass etwas geschieht. Das ist alles: Dass etwas geschieht, ist besser, das ist alles. Aber es ist eine schwindelerregende Wahl: Sie geht jeder Ethik, jeder Politik, jeder Ästhetik, jeder historischen und sozialen Realität voraus.“[14]

P.S. Die Chance ist also das Gegenteil eines Programms. Die Feststellung, dass Chance 2000 gar kein Parteiprogramm hatte ist ebenso wahr wie daraus einen Vorwurf zu machen falsch: Programme wollen Chance, Zufall, spontanes Geschehen, das Ereignis gerade ausschließen. Eine Partei ist die Versicherung, dass nichts geschehen wird. Dafür bietet sie Dauer, Stetigkeit, Berechenbarkeit, Normalität. Und so ist es – aus der Perspektive des Programms – nur konsequent, dass Chance 2000 auch nach dem 27.9.1998 noch weiter besteht. Als nächstes stand der Hessen-Wahlkampf an, der Roland Koch, den ‚Hessen-Hitler’ (Titanic) an die Macht brachte, indem auch die CDU plötzlich Unterschriften sammelte: gegen Ausländer, bzw. gegen die doppelte Staatsbürgerschaft. Die Partei ging daraufhin in den Untergrund. Es gab auch gar keine andere Chance: Sie konnte nämlich nicht einfach so aufgelöst werden, die ursprünglichen Gründungs-mitglieder waren gar nicht mehr zu versammeln und also einen ordentlichen Parteitag abzuhalten unmöglich geworden. Aber Ordnung muss sein: Ein laufendes Programm bricht man nicht einfach ab. Ist eine Partei erstmal gegründet, so bleibt sie bestehen wie ein Staat. Das Parteienrecht sieht spontane Selbst-Auflösungen nicht vor. Auflösen können sich Parteien eigentlich nur in anderen. Oder verboten werden (und das Beispiel NPD zeigt, dass auch das nicht so einfach ist). Und so wird sich Chance 2000 dieses Jahr, 13 Jahre nach der Gründung, in der Piratenpartei auflösen wie einst Beuys’ Aktion Unabhängiger Deutscher (A.U.D.) in den Grünen. Also werde ich Pirat, „der Feind aller“ – für 13 min. Dann werde ich endlich wieder das, was die Medien von sich behaupten zu sein: parteiunabhängig. Ein Volk unter vielen:   1 V. Denn darin besteht unsre Chance – unsre letzte: Chance 2011/12.

Freiheit statt Angst Demo


[1] Christoph Schlingensief und Carl Hegemann: CHANCE 2000. Wähle Dich selbst, Berlin 1998, S. 119ff.

[2] Herbert Achternbusch: Das Haus am Nil (Schriften 1980-81), Frankfurt/ M. 1987

[3] Emmanuel Lévinas: Die Zeit und der Andere, Hamburg 1995, S. 46.

[4] Joseph Beuys, art inter media EDITION, Tragetasche aus Polyäthylen mit Filzplastik, 1. Auflage 10.000 Exemplare, 1971.

[5] Müller, Heiner: Dem Terrorismus die Utopie entreißen. Alternative DDR, in: Zur Lage der Nation, Berlin 1990, S. 22.

[6] Müller, Heiner: Episches Theater und postheroisches Management, in: Kluge, Alexander/ Müller, Heiner: Ich bin ein Landvermesser, Hamburg 1996, S. 159 (gesendet am 18. März 1996). Vgl.: Baecker, Dirk: Müllers Vermutung. In: Lettre International

[7] Hegemann, Carl: Was Chance2000 dem Wirtschaftsrat der CDU rät, in: Dokumentation Chance2000,

Agenbach 1999, S. 164-167. Zuerst abgedruckt in: taz vom 29. Mai 1998. Vorgetragen auf dem Kongress des Bundesverbands Junger Unternehmer in der Frankfurter Paulskirch vom hessischen Landesverband am

[8] Hegemann, Carl: Für ein postcaritatives Theater, in: Lochte, Julia und Schulz, Wilfried (Hg.): Schlingensief! Notruf für Deutschland. Hamburg 1998, S. 159-164.

[9] Agentur Bilwet: Von der Gesellschaft des Spektakels zur Gesellschaft des Debakels, in: elektronische einsamkeit, Köln 1997, S. 19-28.

[10] Den Zusammenhang zwischen dem Fehlen einer sichtbaren Erwerbslosenbewegung und den Aktionen von Schlingensief hat Klaus Theweleit als erster hergestellt, in: Canettis Masse-Begriff: Verschwinden der Masse? Masse & Serie, in: Ders.: Ghosts: Drei leicht inkorrekte Vorträge, Basel u. Frankfurt 1998, S. 161-250.

[11] Als erster darauf hingewiesen hatte Diedrich Diederichsen in seinem vielfach neu abgedruckten Artikel in der ZEIT 17 vom 16.4.1998, z.B.: Magie und Massenarbeitslosigkeit: Christoph Schlingensiefs ‚Chance 2000’ im ‚Prater’ im Prenzlauer Berg, in: Engagement und Skandal. Ein Gespräch von Josef Bierbichler, Christoph Schlingensief, Harald Martenstein, hg. v. Alexander Wewerka, Berlin 1998, S. 69-89.

[12] Gilles Deleuze: Philosophie und Minderheit, in: Kleine Schriften, Berlin  1980, S. 27-29.

[13] Vgl. Vf.: Change 2000, in: Finke, Johannes und Matthias Wulff (Hg.): Die Dokumentation, Agenbach 1999, S. 266-276.

[14] Derrida, Jacques: Einige Statements und Binsenweisheiten über Neologismen, New-Ismen, Post-Ismen, Parasitismen und andere kleine Seismen, Berlin 1997, S. 37.

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