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DEUTSCHLANDHAUS

Als heroischen Versuch, die Keller auszuräumen, ohne die Statik der neuen Gebäude zu gefährden, hat Heiner Müller Brechts Theaterarbeit in der DDR genannt, als er das Berliner Ensemble im Theater am Schiffbauerdamm eröffnete:

Theater spielt ihr in Trümmern hier

Nun spielt in schönem Hause, nicht nur zum Zeitvertreibe.

Aus euch und uns ersteh ein friedlich WIR

Damit dies Haus und manches andre stehen bleibe.

Dabei dachten WIR immer, in ihm haben WIR einen, auf den können WIR nicht bauen. So bauten WIR auf Dir eine Stadt und nannten sie: BERLIN. Und dort zogen WIR alle hin und vertrieben uns die Zeit mit Glücksspiel & Gesang. Waiting for Godard: Die Stunde NULL NEU(N): DREI ZEHN NEUNZEHN NEUNZIG. Feuerwerk, V2: Victory, verspäteter Ungehorsam. Doch da sind mehr als sieben Fehler im Bild laut Christoph Schlingensief: Deutschland, Deine Künstler! Vom Abschied von Deutschland am dritten Oktober 1998 hat er sich schnell wieder verabschiedet und ist mit Richard Wagner aus Afrika zurückgekehrt auf den Grünen Hügel. Da steht ein Haus: ein Festspielhaus. Das muss zurück nach Afrika, denn: „A soll sein, was es noch nicht ist“, laut Adorno, nämlich: ein O. Orpheus kehrt aus der Unterwelt zurück an die Erdoberfläche mit Gesang, aber ohne Frau. Er kriecht rückwärts aus einem Loch im Boden und alles, was er besingt, ist besiegt: Haus, Hof, Stall, Stadt, Straße. Am Ende bleibt nur Sonne & Gesang. Ein Kinderkreuzzug zieht vorüber angeführt von einem sprechenden Hund, einem Coyoten mit Filzfetzen im Fell. Eurasien zeigt seine Wunden: Otto von vorne wie von hinten von Habsburg erscheint in der Wüste als Frau, Sonnenstrahlen im Arsch, einen Mond als Bauch: „Ich sehe Sternchen: Zwölf an der Zahl.“ Ein Königreich für ein Kind! Interessierst Du Dich für Technik, wir bevorzugen Mädchen! Abkürzungen bedrohen ihr Kurzzeitgedächtnis mit akuter Verspätung. (Wörter: Gehörsamen.) Mörder, Banden, freie Wohlfahrt.

In Berlin steht ein Deutschlandhaus, doch Deutschlandhäuser müssen raus, damit in dieser großen Stadt Deutschland eine Zukunft hat: Tempel, Huren, Banken, Taxis zum Klo: Kellergewölbe, Klagegesänge, entartete Kunstwerke, Bodenschätze. Schräg gegenüber residiert die Topographie des Terrors, nebenan das Europahaus. Bunte Fenster, die Wappen vormals deutscher Ostgebiete, im hintersten Eck, am Lift, verbirgt sich eine Plastik (ohne die Statik des Hauses zu gefährden): „Christoph, bist Du’s?“ (Achtung Bühne: Gefahrenbereich.) Der Himmel kann warten, die Engel nicht: Die Kontinuität schafft die Katastrophe: Alles macht weiter usw. Freaks bevölkern uns wie wir sie. WIR wollten die Auflösung. Von der Karte streichen usw. WIR sagten: WIR sind das usw. WIR riefen: WIR SIND FRIEDLICH, WAS SEID IHR? WIR warfen Fragen nach ihnen voll brennendem Benzin. WIR säten Steine, ernteten Sturm. WIR ließen Drachen steigen, Windmühlen fliegen. WIR marschierten aus der Reihe und in die Reihe zurück. WIR gaben die Befehle: FEUER! WASSER! ERDE! LUFT! Und wartet, bis es Nacht wird: ein Keller voller Kunst, ein Tunnel ins Licht. Atmen. Graben. Schwimmen. Braten. (Sie haben den Topf auf dem Herd stehen gelassen. Ihn können wir gebrauchen, sie nicht.) Du bist Deutschland? Ich werde dunkel sein: Lenz.

text: alex, bild: brokof

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